Schokofahrt 2020 im Krisenmodus?

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Die Schokofahrt hat sich in wenigen Jahren von einer tollen Idee zu einem wahren Happening entwickelt. Unzählige Radfahrer holen Schokolade nach Deutschland – lautlos und emissionsfrei. Jedoch nicht im Frühjahr 2020, denn „Happenings“ gehen gerade nicht. Trotzdem fällt die Schokofahrt nicht aus. Stattdessen machen sich einige wenige Radler auf den Weg, um mit großen Lastenradgespannen ganz viel Schokolade auf einen Streich über die Grenze zu transportieren. Auch lifeCYCLEs Martin war dabei und berichtet hier von seiner etwas anderen Kurierfahrt: mit Lastenrad und Carla Cargo Anhänger in zwei Tagen nach Amsterdam und zurück.

Wenn sich zweimal im Jahr hunderte von Radfahrern aufmachen, um in Amsterdam Schokolade abzuholen, dann ist das etwas ganz Besonderes. Zum einen, weil auf diese Weise ein wirklich nachhaltig und absolut fair hergestelltes Genussmittel in die heimischen Bioläden kommt: Vom Anbau der Kakaobohnen über den klimaneutralen Transport der Bohnen per Segelschiff und der ebenso klimaneutralen Produktionsstätte direkt am Westhafen von Amsterdam bis zur „letzten Meile“ auf dem Fahrrad entsteht bei den Chocolatemakers feinste Schokolade im Einklang mit der Natur. Zum anderen, weil die Schokofahrt Mobilität und Transport erlebbar macht. Wer selber 500 Kilometer oder mehr durch die Gegend radelt, um ein Genussmittel in den heimischen Nasch-Schrank zu befördern, fängt an zu überdenken, womit Amazon und Co die Köpfe der Menschheit infiltriert haben: Transport ist eben keine kostenlose Selbstverständlichkeit, sondern kostet viel Arbeit und Energie. Die unterhaltsame Geschichte der Schokofahrt erreicht jeden, der eine Tafel dieser Schokolade kauft – normalerweise! Für die Schokofahrt 2020 kam alles anders. So auch unsere Geschichte der Fahrt. Die ist nämlich aufgesplittet in zwei Teile: Den Erlebnisbericht von lifeCYCLE Martins Einzelfahrt nach Amsterdam liest du gerade hier. Die Story von Schokofahrt Mitbegründer Nikolai Wystrychowski findest du in unserer Printausgabe. So hat es auch etwas Gutes, dass in diesem Jahr keine gemeinsame Fahrt möglich war: Es gibt gleich zwei Perspektiven auf eine Idee, die nach wie vor einfach klasse ist.

In Frühjahr 2020 ist nichts normal. Menschen haben Existenzängste und bleiben zu Hause, anstatt den Osterurlaub anzutreten. Sie kaufen ein, aber nur das, was sie für dringend nötig halten, dafür in rauen Mengen: Mehl zum Beispiel, Hefe und auch Klopapier. Wenn es geht, tun sie das online. Gastronomen und kleine Einzelhändler stehen vor dem Nichts, während sich die großen Versandhändler vor dem Ansturm kaum retten können. Ein Virus, dessen wahre Ausmaße niemand so recht abschätzen kann, beeinflusst das Weltgeschehen, wie es sonst in der jüngsten Menschheitsgeschichte nichts anderes geschafft hat. Selbst eine ausgewachsene Klimakrise hat plötzlich Shutdown. Und somit, so scheint es, auch die Schokofahrt 2020: Reisen ist untersagt, in großen Gruppen sowieso. Eine vergnügliche Radtour ins Zentrum von Amsterdam ist völlig ausgeschlossen. Und damit wohl auch die Möglichkeit, knapp drei Tonnen Schokolade klimaneutral nach Deutschland zu holen. Plötzlich sahen sich die Initiatoren der Schokofahrt mit derselben Thematik vertraut, wie wohl viele, die sich vor Corona um die Problematik des Klimawandels scherten. Es gab nun ein anderes, scheinbar wichtigeres Problem und eines war klar: Ob man nun wollte oder nicht, die Schokofahrt 2020 würde in diesem Jahr nicht, wie gewohnt, stattfinden. Doch genau das fühlte sich nicht gut an. Gerade jetzt, wo die Menschheit sich ein bisschen mehr aufs Wesentliche beschränkt, wo Flugreisen eingestellt werden, wo man sich daheim in der Natur erholt, wo man Gesundheit und Freiheit ganz neu zu schätzen lernt und wo selbst der letzte feststellt, dass eine dicke Karre und Reichtum einen auch nicht vor existenziellen Bedrohungen schützen – gerade jetzt sollte eine Radtour, die all das so schön greifbar macht, ausfallen und stattdessen den großen Paketdiensten den Schokoladentransport von Amsterdam nach Deutschland überlassen?

Das fühlte sich für die Schokofahrtler alles andere als gut an und so war ich wenig verwundert darüber, dass man sich offenbar Gedanken über ein alternatives Transportkonzept machte. So einfach wollten sich die Initiatoren der Schokofahrt nicht mit der Situation abfinden. Und so entstand die Idee einer Corona-konformen Schokofahrt 2020. Das Grundkonzept: Wenige Radfahrer fahren einzeln oder in Zweiergruppen nach Amsterdam, um dort jeweils große Mengen Schokolade abzuholen. Einzelne Lastenräder waren natürlich nicht genug, weshalb man große Radanhänger, wie Carla Cargo, besorgen wollte, sodass ein einzelner Radfahrer 100 Kilogramm oder mehr transportieren könnte. Und damit all das nicht als unerlaubte Urlaubs-Radtour abgestempelt werden konnte, wollte man sich über Radkurier-Unternehmen offizielle Aufträge samt Frachtpapieren besorgen, um etwaigen Problemen an der Grenze aus dem Weg zu gehen. „Schokofahrt 2020 – Guerilla Edition“: Als Nikolai mich fragte, ob ich Lust hätte mitzumachen, war ich sofort Feuer und Flamme. Und freute mich auf meine ganz eigene Challenge: Auf meinem Bullitt, ausgestattet mit einem Carla Cargo Anhänger, wollte ich rund 120 Kilogramm Schokolade in nur zwei Tagen in Amsterdam abholen. Mehr als 500 Kilometer und die Tatsache, dass ich keinerlei Erfahrung mit so einem Anhänger und einer solch schweren Last hatte, sorgte jedenfalls für jede Menge Kribbeln im Bauch, bevor es endlich losging.

In der Woche vor dem Start meiner Trucker-Karriere holte ich bereits den Lasten-Anhänger Carla Cargo ab. Er gehört der „Halle 1“ der westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen, in der auch Zukunftsthemen wie die nachhaltige Mobilität eine große Rolle spielen. Ich konnte also alles in Ruhe installieren und testen, bevor die große Reise begann. Immerhin konnte ich mir so vor der Abfahrt sicher sein, dass alles funktioniert und passt und dass die Akkus des Anhängers ausreichen würden. Akkus? „Mein“ Carla Cargo war mit einem Nabenmotor ausgestattet, der allein es erst möglich machte, überhaupt eine so schwere Last fortzubewegen. Ehrlich gesagt bin ich ja kein großer Freund von Elektromobilität, schon gar nicht am Fahrrad, aber ich bin auch realistisch genug, um einzusehen: Ohne diese kleine Unterstützung wäre es niemals möglich, so viel Schokolade in so kurzer Zeit per Fahrrad über eine solche Distanz zu bringen. Dass es trotzdem noch anstrengend genug sein würde, das sollte ich in den kommenden beiden Tagen ausgiebig in Erfahrung bringen…

Als es endlich losging, war ich einigermaßen gut vorbereitet. Dank so großer Ladekapazität war es endlich mal ohne Platzprobleme möglich, mein Zelt und die Schlafsachen mitzunehmen. Das Wetter sollte gut werden und die Chocolatemakers erwarteten mich bereits. Nur die Abgabe der Schokolieferung in einem Bioladen in Hattingen war bis kurz vor der Abfahrt noch etwas vage. Petra vom Bioladen war zunächst nicht so ganz happy mit meiner Auskunft, dass ich ihr beim besten Willen nicht genau sagen konnte, wann ich da sein werde und dass es vermutlich etwas später am Sonntagabend sein würde. Als sie dann aber von meinem Plan erfuhr, das Ganze in nur zwei Tagen abzuspulen, war sie plötzlich Feuer und Flamme und fieberte zu Hause mit, während ich sie von unterwegs ab und an mit einem Statusupdate versorgte. Gut gelaunt und einigermaßen fit fuhr ich Samstag früh um drei Uhr morgens los und absolvierte locker die ersten 50 Kilometer. Bis dahin lief alles wie am Schnürchen und die einsetzende Morgendämmerung sorgte für echte Genussmomente. Je länger ich fuhr, desto klarer wurde aber auch, dass mein Plan eine echt anstrengende Mission sein würde. Der kleine Nabenmotor des Anhängers half zwar, ich hatte aber eher das Gefühl, dass er allenfalls sein eigenes Gewicht halbwegs kompensierte. So fühlte sich die Fahrt insgesamt mindestens so anstrengend an, wie auf dem Lastenrad ohne Anhänger. Ich fand das aber gut so, denn genau so ergibt der Einsatz des Elektromotors Sinn. Er macht mir das Leben im Grunde nicht leichter, sondern ermöglicht es mir stattdessen, meine eigene Transportkapazität um ein Vielfaches zu steigern. So wird meine Wadenpower plus die Kraft des Nabenmotors zu einem unschlagbar effizienten Team. 

Trotzdem ereilten mich im Laufe des Tages die ganz normalen Wehwehchen einer ganz normalen Fahrradtour: Zwicken im Nacken, einschlafende Hände, immer dieser Hunger und immer dieser böse Wind. Es kam die Phase, in der die Kilometer einfach nicht weniger werden wollten. Werde ich in diesem Tempo jemals ankommen? Halte ich das durch? Wäre es nicht doch schlauer gewesen, sich etwas mehr Zeit zu nehmen? Andererseits war es einfach schön. Meine Route war wirklich gelungen, die Landschaft wunderschön und selbst die Abschnitte auf Straßen machten richtig Spaß, weil kaum jemand mit dem Auto unterwegs war. An der Grenze wurde es einmal kurz spannend: Würde ich kontrolliert und nach meinen Frachtpapieren gefragt werden? Tatsächlich war es dann völlig unspektakulär: Wie sonst auch waren keine Grenzbeamten im Zollhäuschen und ich konnte einfach so von Deutschland in die Niederlande rollen. Und so radelte ich langsam, aber stetig vor mich hin. 100 Kilometer, 150 Kilometer… Die Zeit verging deutlich schneller, als es sich anfühlte und ehe ich mich versah, brach der Nachmittag an. 50 Kilometer lagen noch vor mir, aber ich war froh, dass ich es wohl schaffen würde, wie angekündigt bis zum frühen Abend bei den Chocolatemakers anzukommen. 

In Amsterdam herrschte eine merkwürdige Stimmung. Es war so viel ruhiger als sonst. Der Verkehr war nicht völlig zum Erliegen gekommen, aber fand in einem Ausmaß statt, das mir die Fahrt mit meinem Gespann sehr viel angenehmer gestaltete, als es normalerweise der Fall gewesen wäre. Vor allem an den typischen Touri-Punkten wie dem Bahnhof war fast nichts los. Ehrlich gesagt fand ich es richtig schön, einmal ohne übertriebenen Lärm und ohne den ganzen Stress durch Amsterdam zu radeln. Und so kam ich ziemlich erschöpft, aber dennoch entspannt an meinem Etappenziel an – die Chocolatemakers, Enver, Rodney und Marije, erwarteten mich bereits und empfingen mich, wie es das Gebot der Stunde war, mit ausreichendem Abstand. 

Als sich das Rolltor zur Schokofabrik öffnete, wurde mir erst das wahre Ausmaß meiner Kuriertätigkeit bewusst: Diese ganzen Kartons sollten alle auf den Anhänger passen? Erneut kamen Zweifel auf, ob ich das wirklich schaffen kann. Die Schoko-Profis waren jedoch zuversichtlich und ich beruhigte meine Nerven einfach mit ein paar Stücken der leckeren Tres-Hombres-Schokolade, die mir als Belohnung kredenzt wurden. Nun begann die Verladung und ich konnte meiner heimlichen Leidenschaft, dem „Tetris-Spiel“ nachgehen. Weniger leidenschaftlich brannte ich für den administrativen Teil des Spediteurwesens: Lieferscheine und alles bürokratische waren noch nie so recht mein Ding. Ein gewisses Grundchaos der Chocolatemakers sorgte aber dafür, dass auch dieser Teil meiner Schokofahrt vergnüglich über die Runden ging. Am Ende dauerte die Verladung gute zwei Stunden. Genug Zeit, um die Akkus des Hängers mit Solarstrom vom Dach der Schokofabrik nachzuladen. Und dann war er gekommen: der Moment des Abschieds von den Chocolatemakers und vom wohligen Gefühl der Pause. Denn ich wollte gleich wieder aufbrechen, zumindest raus aus Amsterdam, um mir dann, wenn ich wirklich nicht mehr konnte, einen „gemütlichen“ Schlafplatz irgendwo im Wald zu suchen.

Die ersten Meter mit voller Beladung ließen mich hoffen: Mein Gespann ließ sich beinahe so leichtfüßig steuern, wie im unbeladenen Zustand und ich kam einigermaßen gut voran. Allerdings merkte ich auch: Sobald auch nur ein leichter Anstieg zu bewältigen war, wurde es eine zähe Angelegenheit. Immerhin: Meine Befürchtung, dass vollbeladen nichts mehr gehen würde, bestätigte sich zum Glück nicht und so radelte ich guter Dinge gen Heimat. Die Route führte mich mitten durch Amsterdam, durch den Westerpark und genau durch den „Jordaan“, den Kiez der Hafenstadt. Wäre alles normal gewesen, so hätte ich hier niemals einfach so durchradeln können. Nun aber waren kaum Menschen auf der Straße und ich konnte Amsterdam aus einer ganz neuen Perspektive entdecken. Mein Gespann zog natürlich viele Blicke auf sich und ich hörte immer wieder Menschen tuscheln: „Ah guck mal, das ist Schokolade von den Chocolatemakers“, bemerkte eine Gruppe junger Frauen, die offenbar schon von der Schokofahrt 2020 gehört hatte. Ein Passant sprach mich sogar an und bescheinigte mir, dass ich verrückt sei, als der die ganze Kurzform der Geschichte von mir erzählt bekam. Nach einer Weile wurden die Straßen enger und dunkler, bis ich schließlich die Stadt hinter mir ließ. In der Zwischenzeit hielt die Nacht Einzug und ich radelte einsam durch die Dunkelheit. Langsam aber sicher wurden die Beine ebenso schwer, wie meine Augen. Müdigkeit stellte sich ein und ich begann, nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten. In einem kleinen Waldgebiet südöstlich von Hilversum wurde ich fündig. Ich baute mein Zelt auf und es dauerte nicht lange, bis ich tief und fest schlief.

Um fünf Uhr morgens wurde ich vom aufgeregten Schrei eines Hirsches geweckt, dessen Frühlingsgefühle sich mit der Dämmerung nicht weiter verbergen ließen. Ergänzt wurde der Sound dieses Naturweckers vom bunten Vogelgezwitscher um mich herum und als ich das Zelt öffnete, fand ich mich in einem grünen Waldparadies wieder. So kann ein Tag beginnen! Dass meine Beine schwer wie Beton waren, mein Fahrrad-Gespann locker 250 Kilogramm auf die Waage brachte und noch mehr als 200 Kilometer auf meinem Tagesmenü standen, schmälerte die Stimmung keineswegs. Angesichts der Aufgabe, die auf mich wartete, packte ich erstaunlich motiviert mein Nachtlager zusammen und fand mich schon bald munter pedalierend auf meinem Aluross wieder. Die morgendliche Euphorie wich allerdings sehr bald der bitteren Erkenntnis, dass ich ziemlich bösen Gegenwind hatte. Das kann ja was geben!

Für heute Morgen hatte ich mir vorgenommen, hier und da einen Fotostopp einzulegen. Es gab also genügend Gelegenheiten, zu pausieren und durchzuatmen. Was auch bitter nötig war: Der Wind war wirklich fies und sorgte dafür, dass sich zehn Kilometer anfühlten, wie 50. Also ließ ich es ruhig angehen und erfreute mich am Sonnenschein und der schönen Route. Schon nach wenigen Minuten schaltete mein Hirn in diesen meditativen Ausdauermodus: Pedalieren und Nachdenken. Wobei meine Gedanken sich schon sehr bald um die merkwürdige Situation drehten, die ich gerade hautnah miterlebte. In Amersfoort waren die Folgen des Shutdown zum Greifen nah. Außer mir war so gut wie niemand unterwegs. Die Straßen waren wie leergefegt, ich war der einzige, der sein Fahrrad über den Radweg bewegte, während die sechsspurige Hauptstraße, die mitten durch die Stadt führte, völlig verwaist war. Es war einerseits etwas befremdlich. Andererseits war es so ruhig und irgendwie schön. Vor allem aber machte mir diese Fahrt durch die Menschenleere Stadt bewusst, was die Menschen zu ertragen bereit sind, nur um mit ihren Autos mobil zu sein. Wie schön könnte diese Stadt sein, wenn all diese grauen Asphaltflächen grün und voller Leben wären? Diese Ruhe könnte man immer genießen. Stattdessen würden vermutlich schon bald der Lärm, die Abgase und der ganze Stress zurückkehren. Für den Moment konnte ich es aber einfach nur genießen. Diese Fahrt von Amsterdam ins Ruhrgebiet würde mich vermutlich mit einer Verkehrsarmut historischen Ausmaßes beglücken. Zumindest auf den Straßen.

Anders sah es in den Naherholungsgebieten aus, die auf meinem Weg lagen. Einige Radwege waren nahezu überfüllt. Teilweise fand ich es schon anstrengend, weil ich immer wieder bremsen oder ausweichen musste, denn nicht alle Radler wirkten routiniert und umsichtig. Aber im Grunde war es doch schön, so viele Menschen bei dieser lautlosen Art der Fortbewegung zu beobachten. Sie alle wirkten, trotz (oder gerade wegen) des teils heftigen Gegenwinds amüsiert und zufrieden und ich konnte nur hoffen, dass sie sich auch in ein paar Wochen noch an diese gute Zeit auf zwei Rädern erinnern würden. 

Nach 60 Kilometern kam ich in Arnheim an. Von hier aus führte die Route über einen langen Deich, wo ich wirklich froh darüber war, dass mein schweres Gefährt gut auf der „Piste“ lag: Es war derart windig, dass so mancher sich kaum auf dem Rad halten konnte. Erst auf deutschem Boden, kurz vor Emmerich, wurde es langsam besser. Rund 90 Kilometer waren geschafft, nicht ganz die Hälfte. Ich war bereits ganz schön erschöpft und sehnte mir den Ruhrpott herbei. In Wesel stellte sich langsam das Gefühl ein, dass es bald geschafft ist. Ich sagte kurz dem bekannten Esel von Wesel „Hallo“ und nahm Kurs auf Dinslaken und Oberhausen. Auf der „Hoag“-Trasse, einem Bahntrassenradweg, wurde mein Nervenkostüm noch einmal geprüft. Viel zu enge Durchfahrtsperren zwangen mich dazu, den Anhänger abzukoppeln, was für einen handfesten Radfahrer-Stau sorgte, denn die Trasse war am Sonntagnachmittag richtig voll. Kurz durchatmen und weiter ging’s: Meine Route führte direkt am Einkaufszentrum Centro vorbei, um das herum gähnende Leere herrschte. Endlich kam ich in Essen an, vorbei am Grugapark und schließlich runter zur Ruhr. Petra vom Bioladen Kraftvoll feuerte mich per WhatsApp an und ich gab nochmal alles. Es war beinahe geschafft! Dann endlich: Ich war in Hattingen angekommen. Petra empfing mich schon und ich war wirklich froh, die ganze Schokolade unbeschadet abliefern zu können. Petra honorierte meine Anstrengungen mit Respekt und einer leckeren Flasche ihres Lieblings-Bioweins und ich machte mich auf den Weg nach Hause: Noch eine Stunde von Hattingen nach Wetter wartete auf mich – zum Glück mit leerem Hänger. 

Ich war heilfroh, als ich zu Hause ankam. Zu meiner Erschöpfung gesellten sich eine ordentliche Portion Zufriedenheit und Stolz. In nicht einmal zwei Tagen war ich nach Amsterdam und zurück gefahren und hatte 120 Kilogramm Schokolade transportiert. Diese Schokofahrt 2020 war aber nicht nur deshalb etwas Besonderes. Im Grunde war diese Art der Schokofahrt auf ihren rein funktionellen Teil reduziert. Es gab unterwegs keine neuen Bekanntschaften, keine bemerkenswerten Begegnungen, keine tiefgründigen Gespräche. Es gab keine fröhliche Zusammenkunft, keinerlei Eventcharakter und – zumindest oberflächlich betrachtet – kein Gemeinschaftsgefühl. Diese Fahrt diente allein dem möglichst nachhaltigen Transport einer großen Menge von Schokolade. Allen äußeren Umständen zum Trotz zeigte diese ganz besondere Schokofahrt 2020 vor allem eines: Auch oder gerade in der Krise kann man mit dem Fahrrad Bemerkenswertes schaffen und zwar total legal und so sicher, wie es nur geht. Reduziert auf den reinen Transport veranschaulicht diese besondere Schokofahrt 2020 auf ganz besonders eindrucksvolle Weise, wie leistungsfähig Fahrräder sein können und wie viel Arbeit trotzdem für die Bewegung von Konsumgütern nötig ist. Erst auf den zweiten Blick wird die Kraft der Gemeinschaft hinter dieser Fahrt deutlich: Ohne ganz viel Organisation von Nikolai und allen, die mitgemacht haben, ohne die offiziellen Aufträge der Würzburger Radboten und ohne die Anhänger und Akkus, die zum Beispiel von der Halle 1 zur Verfügung gestellt wurden, hätte die Schokofahrt 2020 wohl einfach abgesagt werden müssen. Stattdessen wird sie wohl als eine ganz besondere Schokofahrt 2020 in die Geschichtsbücher eingehen.  

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