#festive 500 – alle Jahre wieder. Aber was tun, wenn man irgendwie keine Zeit hat, sich jeden Tag aufs Rad zu setzen? Na logo: dann fährt man die 500 Kilometer halt an einem Tag. Dachte sich Martin und fuhr los. Was daraus wurde? Hier erfahrt ihr es.

(von Martin Donat)

Über allem steht die Frage: Warum?

Ich stehe jetzt seit Stunden im Keller. Alle anderen fläzen sich auf der Couch, stopfen Weihnachtsgebäck in sich hinein oder sind immer noch regungsunfähig von der feiertäglichen Mast-Eskalation. Ich fluche leise vor mich hin, weil die Scheiss Luft nicht im Reifen bleiben will, weil ich die Helmlampe mal wieder verlegt habe und weil der Reissverschluss der Rahmentasche von der letzten Matschfahrt festgegangen ist. Es muss heute fertig werden. Morgen früh um 4 Uhr habe ich bestimmt noch weniger Lust dazu, solche Probleme zu lösen. So viel habe selbst ich dazu gelernt.

 

„Acht potentiell entspannte Entschlackungs-Touren werden zu einem grausamen Monster komprimiert. 500 Kilometer am Stück in möglichst unter 24 Stunden. Und über all dem steht die Frage: Warum?“

 

Vielleicht lenkt es mich auch einfach nur ab, mich über solche Belanglosigkeiten zu ärgern, denn tief in mir weiss ich ganz genau, dass all das hier nur das harmlose Vorspiel einer schrecklichen Tortur ist, die ich mir völlig freiwillig und ohne jeden Zwang selbst auferlegt habe. #festive 500, die Woche zwischen Weihnachten und Silvester, in der es gilt,  500 Kilometer zu radeln und so irgendwie das Jahr recht aktiv zu beenden, wird von mir auf einen Tag geschrumpft. Acht potentiell entspannte Entschlackungs-Touren werden so zu einem grausamen Monster komprimiert. 500 Kilometer am Stück in möglichst unter 24 Stunden. Und über all dem steht die Frage: Warum?

 

 

Am Abend vorher sehe ich, dass Alex aus Stralsund gerade fertig ist mit dem, was mir bevorsteht. Ja, es gibt noch andere, die sich so etwas geben. Ich bin also doch normal, puh. Morgen früh geht es los. Ich fahre mit dem Zug nach Amsterdam, von dort aus habe ich eine schöne Route zurück nachhause gelegt. Auf so einer langen Fahrt brauche ich ein schönes Ziel zur Motivation. Und welches Ziel wäre schöner, als das eigene Zuhause? Ich weiss gar nicht, woher ich den Optimismus genommen habe, der zur Planung dieser Tour nötig war. Irgendwie war es alles andere als klar, dass ich das schaffe. Irgendwie war aber auch klar, dass ich echte Probleme bekomme, wenn ich nicht durchhalte. Die Route verläuft irgendwo durchs Nirgendwo und meine Verpflegung ist ebenso begrenzt, wie meine elektrische Energie, die Navi und Smartphone am leben hält. Als ich in Amsterdam Centraal aussteige, wird schnell klar, dass auch mein Vorrat an Ersatzteilen bestehend aus zwei Schläuchen äußerst optimistisch berechnet ist – der hintere Reifen ist platt, noch bevor ich den Bahnhofsvorplatz erreiche. Wertvolle Zeit verstreicht, das Tageslicht im Winter ist sehr überschaubar.

 

Endlich ist Luft im Reifen und es kann losgehen. Verdammt, ist das windig! Je näher ich der Küste komme, desto heftiger wird der Gegenwind. Das kostet richtig Kraft. Beim Selfie am Strand muss ich tricksen, damit der Wind mir nicht das Handy aus der Hand weht, während hinter mir das Rad umfällt. 3 Stunden sind rum und keine 40 Kilometer geschafft. Aber schön ist es hier.

 

Um 14 Uhr wird mir klar, dass ich den Großteil dieser Tour im Dunklen fahren werde. Super Idee, mitten im Winter so etwas zu machen. Plötzlich ist der Radweg zuende. Die Fähre fährt nicht. Warum nicht? Und warum ist überhaupt eine Fähre auf meiner Route? Ich hatte sie doch extra so gelegt, dass das nicht passiert. Hätte ich dann noch die neue Route mit meinem Navi synchronisiert, wäre das sicherlich schlau gewesen. 10 Extra Kilometer im strammen Gegenwind sind eine gerechte Strafe.

 

„Bei Kilometer 200 ist eine Belohnung fällig. Bevor ich die Zivilisation verlasse und stundenlang durch irgend so einen Nationalpark gurke, gönne ich mir eine Pizza in Utrecht. Fettig, heiss, geil!“

 

 

#festive500

Kleine Dinge, die den Geist erheitern. So, wie die Durchfahrt dieser durchaus bekannten Stadt 😉

#festive500

Aber auch sowas hier kann beflügeln. Auch, wenn das hier Gezeigte so gar nicht dem normalen Ernährungsschema des Autors entspricht – in diesem Moment ging es nicht besser!

Es wird dunkel. 150 Kilometer stehen auf der Uhr und es wird dunkel! Was habe ich getan. Aus irgendeinem Grund bin ich dennoch gut gelaunt. Vielleicht liegt es daran, dass die Landschaft bis hierher wirklich schön war und die Dämmerungsfahrt durch diesen altertümlichen Wind(-Mühlen)-Park echt der Hammer war. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht friere, dass ich keinen Hunger habe und dass das Rad nicht klappert. Ganz sicher liegt es nicht daran, dass ich noch 350 Kilometer vor mir habe. Ich habe bereits mehr als genug. Von mir aus könnte ich jetzt zuhause ankommen. Bei Kilometer 200 ist eine Belohnung fällig. Bevor ich die Zivilisation verlasse und stundenlang durch irgend so einen Nationalpark gurke, gönne ich mir eine Pizza in Utrecht. Fettig, heiss, geil!

 

Auf so einer langen Tour relativiert sich alles. Normalerweise blickt man nach 250 Kilometern auf eine anstrengende, lange Tour zurück und freut sich, es geschafft zu haben. Jetzt freue ich mich auch. Weil ich die Hälfte habe. „Nur“ noch doppelt so weit, jippie! Ab jetzt wird´s weniger. Beflügelt von diesem Gedanken pedaliere ich geduldig weiter. Ein schmaler Waldweg bringt Abwechslung ins Spiel, die Beleuchtung im Energiesparmodus macht die Sache nochmal spannender. Erst, als der Bodenbelag von Schotter auf Matsche wechselt, geht mir ein deutlicher Fluch über die Lippen, den hier aber ohnehin niemand hört. Weil ich irgendwo im Nirgendwo bin, um 3 Uhr Nachts.

 

„Stünde mein warmes Bett am Streckenrand, würde ich „Nein“ sagen können? Käme jetzt ein Hotel, würde ich vorbeifahren? Würde die Route einen großen Bahnhof streifen, an dem der Zug Nachhause steht, würde ich einsteigen? Fragen, die sich allesamt nicht stellen. Denn es kommt nichts. Ich habe die Route sehr schlau geplant.“

 

Tatsächlich ist die Fahrt in der Nacht erstaunlich angenehm. Es ist so ruhig, so friedlich. Ich höre nichts, außer das Surren der Reifen und ab und an das Knacken der Schaltung. Das alles verschwimmt zu einem monotonen Rauschen, getüncht in den verschwommenen Lichtkegel der Lenker-Funzel, mir fallen langsam die Augen zu und ich schlafe ein. Natürlich mache ich das nicht. Aber ich stelle mir vor, wie schön es wäre, das jetzt zu tun. Stünde mein warmes Bett am Streckenrand, würde ich „Nein“ sagen können? Käme jetzt ein Hotel, würde ich vorbeifahren? Würde die Route einen großen Bahnhof streifen, an dem der Zug Nachhause steht, würde ich einsteigen? Fragen, die sich allesamt nicht stellen. Denn es kommt nichts. Ich habe die Route sehr schlau geplant.

 

 

Um 4 Uhr Morgens durchquere ich irgend so ein Kaff, in dem tatsächlich ein Bäcker auf hat. Wow! Nußecke und heißer Kaffe, welch Wohltat. Immerhin ist der Blick danach nicht mehr ganz so verschwommen und ein Ende der Dunkelheit ist in Sicht. Langsam aber sicher klingen die Orte, die ich durchfahre, wieder vertrauter. Bis Duisburg auf einem Schild steht. Dort ist auf einmal der Radweg zuende, weil eine Brücke ohne Vorankündigung gesperrt ist. Ich hasse einmal kurz die ganze Welt. Ich fluche einmal laut und schlimm, auch mein Hirn ist auf der untersten Stufe seines Funktions-Niveaus angelangt.  5 Kilometer Umweg machen den Kohl aber nicht mehr fett. Am Duisburger Hauptbahnhof gibt es Käsebrötchen und Kakao. Und jede Menge Züge, die die letzten 100 Kilometer für mich in Null-Komma-Nix erledigen könnten. Die Versuchung ist groß. Aber 400 Kilometer sind geschafft. Jetzt aufzugeben, wäre der Schmach zu viel. Solange ich noch sehen, hören und treten kann, fahre ich weiter.

 

Gegen Ende wird es wirklich schlimm. Egal, was ich esse, das Hungergefühl bleibt. Der Durst bleibt. Die Müdigkeit bleibt. Komme ich niemals zuhause an? Sonst ist diese Strecke hier das Warmfahren. Noch 15 Kilometer, da sehe ich das Schild mit der Aufschrift „Umleitung“. Statt einem Tunnel folgt ein richtig mieser Anstieg. Irgendeiner will nicht, dass ich zuhause ankomme. 4 Kilometer vorm Ziel der zweite Platten. Ernsthaft? Ganz kurz überlege ich, bei Kilometer 496 einfach den ganzen Mist in den Graben zu werfen und ein Taxi zu rufen. Schnell den Schlauch wechseln und weiter geht´s. Gleich habe ich es geschafft! Gleich habe ich es geschafft! Ich biege in „meine“ Straße ein, als der Tacho auf 500 umspringt. Wie geil ist das denn? Ich bin gerade 500 Kilometer auf dem Fahrrad gefahren. In 22 Stunden und 38 Minuten. Ich bin einfach glücklich, einfach völlig am Ende, einfach totmüde. Warum habe ich das getan? Ich kann es nicht sagen. Aber es fühlt sich verdammt gut an.