25 Jahre Downhill am Inselsberg. Zum Jubiläum gab es ein Oldschool-Race, das Race of Legends, an dem Fahrer teilnahmen, die schon damals dabei waren auf Bikes, die damals schon fuhren. Martin machte sich auf zum Inselsberg nach Tabarz und berichtet, wie es ihm beim Comeback der alten Säcke erging.

 

25 Jahre Downhillrennen in Tabarz. Das schreit nach einer vernünftigen Geburtstagsparty, oder etwa nicht? Es ist lange her und an vieles erinnere ich mich nur noch bruchstückhaft. Legendär war diese Party, auf der es einfach so passierte, dass plötzlich die unschuldige Tabarzer Partygöre von um die Ecke nicht mehr Kleidung am Körper trug, als der berüchtigte Downhillfahrer in seiner goldenen Unterhose. Vielleicht war es irgendwann sogar noch weniger. In Tabarz gab es immer Party. Downhillfahren war früher immer eine einzige Party. Also, was ist das Naheliegendste, wenn ich eine vernünftige Party feiern will? Na klar: ich lade die Typen ein, die damals schon wussten, wie es geht. So etwas darf man doch nicht den Kids von heute überlassen. Die müssen sich Abends auf der Rolle ausfahren, ihr glutenfreies Abendbrot genießen und dann früh in die Heia. Morgen ist schließlich Weltmeisterschaft.

 

Oldschool vs. Newschool. War damals alles besser?

 

Und so flatterte schon Ende 2017 eine Nachricht in mein Facebook-Postfach. Eine Einladung vom Veranstalter, der in den alten Ergebnislisten gekramt hatte. Eine Einladung, nicht direkt zur Party, sondern latent verpackt zum „Race of Legends“. Ich fand die Idee direkt geil. Das kann ja was geben! Das Comeback der alten Säcke, ganz so, wie früher.

 

Es hätte mich nachdenklich stimmen können, als ich begann, ohne mit der Wimper zu zucken die Fahrt nach Tabarz zu planen. Per Fahrrad. 310 Kilometer. Eine wunderschöne Tour quer durchs Land. Donnerstag früh fuhr ich los, Donnerstag Abend kam ich an. Normal, oder etwa nicht?

 

Mit dem Fahrrad 300 Kilometer weit aufs Downhillrennen fahren? Auf diese Idee wäre ich damals ganz sicher nicht gekommen.

 

Ungewohnte Geräusche auf dem Campingplatz. Assimucke, wie immer. Aber dieses Kindergeschrei, das war neu. Folgte man den sonderbaren Klängen, ergab sich meist ein recht ähnliches Bild: Ein junggebliebener Best-Ager im coolen Shirt einer 90er Jahre Metalband oder auch oben ohne und mit Tattoos übersäht, die mir noch irgendwie bekannt vorkamen. Daneben eine (wohl seine) Frau und ein bis zwei Kids mit Laufrädern oder auch schon richtigem Bike. Platziert vor einem Wohnmobil (oder sonst irgendeinem Gefährt), auf dessen Heckträger sich ein uraltes Mountainbike befand. Freudiges Wiedersehen. Sven, der damals schon immer schneller war. Oli, der damals schon der Schlimmste von uns allen war. David, der sich damals leidenschaftlich auf seinen Rennlauf vorbereitete und der eigentlich nie mit auf Party war. Und dann waren da noch die, die nie wirklich weg waren und trotzdem im Keller oder auf ebay eine coole, alte Karre gefunden hatten. Gino zum Beispiel, der direkt – ganz wie früher – seinen Race-Support bestehend aus Mutter und Vater mitbrachte. Heute Oma und Opa und eher Babysitter als alles andere. Oder Markus, samt Aeroanzug aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Oder Christian, heute immer noch sauschnell mit historischem Proflex-Downhiller im Gepäck. Oder Ralph, der immer noch genau so aussah, wie früher. Und dann war da noch dieser Steffen, den niemand kennt. Denn in Wirklichkeit heißt er ja Spartakus. Sieben Jahre lang ist er nicht Downhill gefahren. Heute feierte er mit seinem Last Downhiller Comeback. Inklusive Trackwalk, für den er damals keine Zeit hatte, weil er auf dem Campingplatz mit anderen Dingen beschäftigt war. Unser Trackwalk wurde eher zum Tracktalk und wir stellten fest, dass es sich anfühlt, wie früher.

 

Nach zwanzig Jahren wieder im Einsatz. Heavy Tools – heute ist der Name Programm.

 

Mein altes Bike war ein Original. Ich hatte es damals gekauft vom Erlös meines Ferienjobs, bei dem ich vier Wochen lang in einer Spritzgußfabrik Steckdosen entgratet hatte. Dafür kaufte ich, stolz wie Oskar, ein Heavy Tools „Equipe FS2“, das ich mit allerlei Teilen, zusammengewürfelt von alten Bikes, im Keller meines Elternhauses zusammenpfuschte. Es war mein erstes Fully und wie schon bei meiner ersten Federgabel, war das Ergebnis eher ernüchternd. Trotzdem, endlich hatte ich ein richtiges Downhillbike mit 140 mm Federweg! Es folgten viele Bikes, die ich aber alle verkaufte, um mir wiederum ein neues leisten zu können. Nur dieses behielt ich. Das war so abgerockt, dass ich dafür nichts mehr bekommen hätte. Ich glaube sogar, der Rahmen hatte einen Riss, den ich aber mit altem Schlauch kaschiert hatte. Und genau so stand es bestimmt 20 Jahre lang in all den Kellern herum, die ich in der Zwischenzeit bezog. Die Gabel siffte, was das Zeug hielt, ein Wunder, wo das ganze Öl immer noch herkam. Der Dämpfer war so platt, dass ich unbedingt ein Ausfedern verhindern musste, weil ich dadurch sofort abgeworfen worden wäre. Also pumpte ich ihn soweit auf, wie ich mich traute. Die Bremsen bremsten immer noch, erstaunlich, da es sich um hydraulische Modelle aus der Mountainbike Urzeit handelte. Ich fand noch meine erste Crosshose und irgendein Jersey, das mir damals schon zu groß war. Sah ich scheiße aus! Genau wie damals. Und genau, wie die anderen. Cool.

 

So viel Spaß!

 

Das Shuttle fuhr uns hoch zum Start. Eine halbe Weltreise, denn der Start war ganz oben auf dem Inselsberg, wie damals, 1995. Die Strecke war damals krass, heute eher ein Allmountaintrail. Auf der alten Karre war es dennoch ein Heidenspaß. Es galt den schmalen Grat auszuloten, der es mir erlaubte, ohne Sturz und ohne Rahmenbruch im Ziel anzukommen. Wie früher eben. Nur dass ich heute weiß, dass man bessere Bikes bauen kann. Fast alle hatten denselben Spaß. Nur wenige Fahrer konnten ihr altes Gefährt nicht mehr finden und traten auf aktuellem Material an. Nicht schlimm, denn es gab Zeitgutschriften: Für jedes Lebensjahr des Bikes gab es eine Sekunde. In der Theorie.

 

An der Strecke standen viele Leute, die Bock hatten, sich die alten Säcke und ihre Bikes anzuschauen und die sie fleißig anfeuerten. Das war cool! Im Ziel wurde ich von Oldschool-Sprecher Uwe Buchholz fachmännisch angekündigt. Der zauberte in gewohnter Manier Hintergrundwissen und Anekdoten aus seinem mittlerweile auch etwas größeren Bauch heraus und erheiterte damit Fahrer wie Zuschauer. Wer hätte diesen Job besser machen können, als Uwe, der damals schon als Rennfahrer dabei war?

 

Uwe am Mikrofon. Wer denn sonst?

 

Fahrer um Fahrer erreichte das Ziel. Alle mit einem derart dicken Grinsen im Gesicht, dass man sich die Frage stellte, warum wir nicht einfach immer auf den alten Bikes fahren. Und dann reichte mir jemand ein Bier. Endlich! Die Party kann beginnen.

 

Doch zuerst folgte noch die Siegerehrung. Irgendwie war auch das wie damals: Der Veranstalter hatte es vercheckt, die Fahrer diskutierten. Irgendwie wurde vergessen, die Zeitgutschrift fürs alte Bike zu berücksichtigen und so standen drei ziemlich neue Räder vor dem Podium. Immerhin war so der Beweis erbracht, dass die neuen Karren einfach schneller sind. Trotzdem schade für Fahrer und Zuschauer. Wenigstens mussten wir dieses Mal keine Fahrervereinigung gründen. Alles andere hatte so viel Spaß gemacht, dass dieser kleine Fehler schnell vergessen war.

 

Jetzt aber Party, oder wie oder was?

 

In freudiger Erwartung platzierten Spartakus und ich uns im Party-Areal. Doch es passierte nichts. Wir waren wohl zu früh. Zurück im Fahrerlager waren die potentiellen Partygenossen gerade mit den Kindern am Grillen. Wir verabredeten uns für später. Im Hintergrund gab DJ Spitz alles, uns zurück zur Party zu locken. Wir saßen und warteten. Wir wurden immer müder. Bis ich auf dem Liegestuhl vor Spartakus‘ Transporter einschlief. Im Rhythmus der Musik, die zumindest vom Veröffentlichungsdatum her perfekt zu unserem (Party-)Comeback gepasst hätte, schleppte ich mich noch auf die Matratze im Kofferraum. Was für eine Party. Verdammt, die alten Säcke sind wirklich alte Säcke!

 

Ich habe keine Ahnung, ob da unten noch etwas ging. Und ich habe nichts vermisst. Es war ein grandioses Wochenende auch ohne zu viel Bier und schlechte Musik. Dafür mit viel mehr Radfahren, als früher. Es war großartig, einige der Menschen wieder zu treffen, mit denen man früher fast jedes Wochenende verbracht hat. Es hat einen riesen Spaß gemacht, auf Bikes den Berg runter zu fahren, die älter waren, als viele Rennteilnehmer. Es waren tolle Erinnerungen an eine Zeit, in der wir alles richtig gemacht hatten. Nun ist es gut, so wie es ist. Dieses Mountainbiken wird immer Teil meines Lebens sein, genau wie alle, die mir in dieser Zeit über den Weg gelaufen sind. Danke, ihr alten Säcke! Ich hoffe, dass wir uns nochmal auf einem Rennen über den Weg laufen. Vielleicht ja nicht erst in 25 Jahren!

 

Bis dahin könnt ihr ja Fotos gucken. Wer Lust hat, kann sich den ganzen Batzen hier ziehen (aber nur noch für kurze  Zeit):

https://www.dropbox.com/sh/a59sa1yl75gfvd8/AABaDOkRSyq_aZSK4MEaVZjta?dl=0

 

Uwe am Mikrofon. Wer denn sonst?

Nach zwanzig Jahren wieder im Einsatz. Heavy Tools – heute ist der Name Programm.