Rondo HVRT ST | 2.399 Euro

„Das erste Road Plus Bike der Welt mit variabler Geometrie“ – Rondo nimmt den Mund ganz schön voll, wenn es um sein neues HVRT geht. Es sei sowohl ein Renn-Renner, als auch ein entspanntes Endurance-Rad, das sich auch auf Landstraßen und Feldwegen wohl fühlt. Wir sind der Sache mal auf den Grund gegangen und haben das Rondo HVRT einem kleinen Test unterzogen.

Text & Fotos: Martin Donat

Inhalt


1. Allgemeines

2. Setup

3. Ausstattung und Geometrie

4. Die Testfahrt

5. Der Test

6. Fazit

Allgemeines


Rondos HVRT ist ein bisschen so, wie der Wolf im Schafspelz. Vor allem das Modell „ST“, unser Testbike, dessen Rahmen aus Stahl gefertigt wird, was dem Rad einen fast schon klassischen, unscheinbaren Look verleiht. Trotzdem ist es alles andere als altbacken – in diesem Rad stecken eine Menge frischer Ideen, die wir vorab einmal vorstellen möchten. Allem voran ist da natürlich die Möglichkeit, neben sportlichen Rennrad-Laufrädern mit dünnen Straßenreifen (bis maximal 30 mm) auch 650B-Laufräder mit bis zu 47 mm breiten Schlappen zu montieren, was dem Rad zumindest theoretisch schonmal einen sehr großen Einsatzbereich erschließt. Der soll nochmal dadurch erweitert werden, dass an der Front Rondos „Twintip“-Gabel verbaut ist, an der man über einen massiven Flip-Chip an den Ausfallenden Lenkwinkel, Gabeloffset, Radstand und einiges mehr verändern kann. Über all diese Anpassungsmöglichkeiten soll das Rad sowohl als aggressives Racebike, aber auch als komfortables Endurance-Rennrad taugen, mit dem man sich sogar mal auf Feld- und Schotterwege trauen können soll. Alles, was man dafür benötigt, ist ein zweiter Laufradsatz. So gesehen soll das Rondo also weniger ein Wolf im Schafspelz sein, sondern vielmehr Wolf und Schaf in einem. Ich bin gespannt…

Dezenter Stahlrahmen, formschöne Carbongabel – eine gelungene Komposition.
Durch Umdrehen des schwarzen „FlipChip“ lassen sich diverse Geometrie-Parameter verändern.
Rennradgene – und trotzdem kann man das HVRT mit bis zu 47 mm breiten Reifen fahren.
Zwei Kettenblätter sind Geschmacksache – dennoch ist die gute Funktion der 105er Gruppe unbestritten.

Unser Testbike: Rondo „HVRT ST“


Rondos HVRT ist in zwei Versionen erhältlich: Das günstigere Modell ist das HVRT AL mit – der Name lässt es vermuten – Aluminiumrahmen und einer günstigeren Ausstattung, das für rund 1.700 Euro seinen Besitzer wechselt. Ich habe das Modell „ST“ zum Testen bekommen, das mit 2.399 Euro ein Stück teurer, aber auch höherwertig ausgestattet ist. Rein optisch ist sein schlanker Stahlrahmen in Blau mit weißer Gabel auf jeden Fall schonmal ein ziemlicher Hingucker. Dezent, aber modern und edel. Das Rad wird mit 28 Zoll Rennrad Laufrädern ausgeliefert, die mit schlanken Michelin „Dynamic Classic“-Reifen in 28 mm Breite bestückt sind. Zusätzlich hat mir Rondo aber noch einen 650B-Laufradsatz mit 1,9 Zoll breiter „Gravelking“-Bereifung von Panaracer geschickt, damit ich auch alle Möglichkeiten ausprobieren konnte. Und hiermit ist auch schon klar: Das ganze Konzept des Bikes schöpft man nur voll aus, wenn man noch in einen zweiten Laufradsatz investiert. Der wiederum ist natürlich günstiger, als ein weiteres Bike. Am Ende muss wirklich jeder für sich entscheiden, ob es für einen selbst Sinn macht oder nicht.

Ergänzt wird das Ganze jedenfalls durch eine 105er Gruppe von Shimano, einen Fabric „Scoop“-Sattel und ein paar Rondo-eigene Parts. Ich startete meinen Test mit den 650B-Rädern, weil sich das im Winter einfach anbot, und wählte darum auch zunächst die „entspanntere“ Lo-Position an der Gabel des Rondo.

„Unser“ Rondo HVRT ST Testbike.

Setup


Grundsätzlich lohnt es sich, vorab noch einmal auf die vielen Abstimmungsmöglichkeiten zu schauen, die das Rad bietet. Denn es macht ja einen Unterschied, ob man einen 25-mm oder einen 47-mm-Reifen fährt, ob man einen Lenkwinkel von rund 72 oder doch eher fast 73 Grad einstellt und ob der Gabeloffset 5 mm länger oder kürzer ist. Was vielleicht auf den ersten Blick wieder viel zu kompliziert wirkt, ist aber eigentlich ganz einfach: Wer lieber auf der Straße richtig Gas gibt und im Renntempo irgendwelche Rampen hochknallen will, entscheidet sich eher für die „Hi“-Position und baut 28-Zoll-Laufräder ein. Wer eher entspannt unterwegs sein will und vielleicht auch mal über einen Waldweg rollen möchte, nimmt halt 650B-Räder mit breiten Reifen und montiert sie in der „Low“-Position. Fakt ist jedenfalls, dass der Wechsel super schnell vonstatten geht. Selbst der Flip-Chip in der Gabel ist binnen weniger Minuten umgedreht, sodass man theoretisch sogar vor jeder Ausfahrt spontan entscheiden könnte, worauf man mehr Lust hat.

Auf dicken Schlappen geht’s los!

Mehr zum Thema findet ihr in unserem lifeCYCLE Magazin #6! Darin dreht sich alles um #einautoweniger – und wie man den Alltag auf dem Fahrrad meistern und genießen kann.

Ausstattung und Geometrie


Wie schon oben erwähnt, ist die Ausstattung vor allem über die 105er Gruppe von Shimano definiert. Die Gruppe ist bewährt und bietet ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Und sie nutzt zwei Kettenblätter mit 50 und 34 Zähnen sowie einer 11-28er Kassette. Das dürfte vor allem dem eher klassischen Rennradfahrer entgegenkommen, der von feinen Gangabstufungen und einer großen Übersetzungsbandbreite profitiert. Im Gegenzug muss man mit relativ vielen Schaltkomponenten leben und in Kauf nehmen, dass die Schaltgruppe nicht unbedingt für Ausflüge abseits der Straßen gemacht ist (was aber ja ohnehin nicht die primäre Spielwiese des HVRT sein soll).

Ganz klassisch: 105er Gruppe mit außen verlegten Schaltzügen.

Ebenfalls bemerkenswert ist, dass Rondo auf durch den Rahmen verlegte Züge und Leitungen verzichtet. Nur die Leitung zur Vorderradbremse ist durch die Gabel verlegt, der Rest verläuft außen am Rahmen. Ganz klassisch, irgendwie passend zum Rad und vor allem extrem easy in der Handhabung, falls wirklich mal was repariert werden muss. Letzten Endes ist das ein klarer Fall von Geschmacksache, mich hat’s in keiner Weise gestört. Im Gegenteil: Ich finde, dass das Rad insgesamt optisch einen echt stimmigen Eindruck macht.

Alle Infos direkt vom Hersteller gibt’s unter http://rondo.cc/hvrt-st,71,pl.

Ausstattung

  • Preis: 2.399 Euro
  • Gewicht: 10,7 kg (inkl. Pedale und mit Rennrad Bereifung)
  • Rahmen: Stahlrahmen aus Tange Prestige Rohren
  • Rahmengrößen: 51, 54, 56, 58, 60 cm
  • Lenker: RONDO Road 400 mm (XS, S), 440 mm (M, L), 460 mm (XL)
  • Vorbau: RONDO 90 mm (XS, S), 100 mm (M), 110 mm (L), 120 mm (XL)
  • Sattel: Fabric Scoop Flat CR-TI
  • Sattelstütze: RONDO 350, 27,2 mm
  • Bremsen: Shimano 105 BR-R7070, Hydr. Disc Brake, Flat Mount (160/160)
  • Schaltung: Shimano 105
  • Kurbeln: Shimano 105 FC-RS510
  • Schaltwerk: Shimano 105
  • Kassette: Shimano KCS5800 11-18, 11-Gang
  • Kette: Shimano CN-HG701
  • Naben: RONDO Superlight
  • Felgen: RONDO Superlight
  • Reifen: Michelin Dynamic Classic 700c x 28 mm

Geometrie

Hi-/Lo-Position5154565860
Reach370/364 mm382/375 mm390/383 mm397/391 mm405/398 mm
Stack530/535 mm550/555 mm573/578 mm597/603 mm617/622 mm
Oberrohr horizontal540/542 mm550/552 mm564/566 mm578/580 mm592/594 mm
Kettenstrebe408 mm408 mm408 mm410 mm410 mm
Tretlager Überhöhung72/67 mm72/67 mm72/67 mm72/67 mm72/67 mm
Lenkwinkel72,8/72,1 Grad72,8/72,1 Grad73,5/72,8 Grad73,8/73,1 Grad73,8/73,1 Grad
Sitzwinkel73,3/72,6 Grad73,3/72,6 Grad73,3/72,6 Grad73,3/72,63 Grad73,3/72,6 Grad
Gabeloffset45/40 mm45/40 mm45/40 mm45/40 mm45/40 mm

Die Testfahrt


Im Gegensatz zu den meisten meiner anderen Testfahrten „entführte“ ich das Rondo nicht auf eine lange Bikepacking-Tour, sondern fuhr damit vor allem in heimischen Gefilden umher. Darum habe ich sicher nicht so viele Eindrücke gesammelt, wie üblich und schilder hier dementsprechend eher einen „Ersten Eindruck“ und keinen Ausdauertest. Ich startete meinen Test mit den 650B-Rädern, weil sich das im Winter einfach anbot, und wählte darum auch zunächst die „entspanntere“ Lo-Position an der Gabel des Rondo. Die super breiten „Gravelking“-Reifen bekamen etwas über zwei Bar verpasst und schon konnte es losgehen.

Im Winter macht das 650B-Setup ganz ohne Zweifel richtig viel Spaß!
Im lifeCYCLE Magazine #6 gibt’s die Story zu einer etwas anderen Radtour, die Martin auf Rondos HVRT unternommen hat.

Die Fahreindrücke


Tatsächlich musste ich mich kurz an das Fahrgefühl des Rondos im „Gravel-Modus“ gewöhnen. Was vor allem der Bereifung geschuldet war. Der „Gravelking“ ist schon sehr breit, vor allem aber ist er sehr voluminös, hat eine breite, dennoch fast profillose Auflagefläche und ist zudem auch noch sehr „weich“. Daraus resultiert ein lautes Fahrgeräusch und ein recht schwammiges Fahrgefühl. Ich war mir bis zuletzt nicht sicher, ob der Name „King“ nicht etwas zu hoch gegriffen war, Fakt ist jedoch, dass dieser Reifen immer mehr in seinem Element ist, desto weiter man sich von festen Wegen auf Asphalt entfernt. Auf Schotter- und Waldwegen machte er durchaus einen guten Job. Auf Straßen hingegen wirkte er extrem träge und – wesentlich problematischer – sehr rutschig, sodass man immer Vorsicht walten lassen muss, um sich nicht in einer feuchten Kurve lang zu legen. Aber: Es ist nur ein Reifen und den kann man schnell wechseln.

Winter im Ruhrpott…

Abgesehen davon machte mir das Rondo richtig Spaß. Kleiner Wermutstropfen: Die 2-fach-Schaltung. Sobald man Offroad fährt, macht mir ein 1-fach Antrieb einfach mehr Spaß. So muss man immer zwischen Umwerfer und Schaltwerk jonglieren und außerdem klappert die 2-fach-Schaltung auf unebenem Untergrund einfach viel mehr. Nichts desto trotz hat die Schaltung einen guten Job gemacht. Der Rest vom Rad konnte mich aber ohne Einschränkungen überzeugen. Die Geometrie ist sportlich aber komfortabel und es hat mir viel Freude gemacht, damit stundenlang durch den Wald zu fahren. Und die Betonung liegt wirklich auf „Wald“ – keine gelegentlichen Ausflüge über einen kurzen Schotterweg, sondern wirklich über Trails und Pfade fernab von jedem befestigten Untergrund. Im Gegensatz zu Rondos eigener Einordnung „Road Plus“ würde ich dem HVRT tatsächlich beste Gravel-Eigenschaften bescheinigen, vor allem, wenn man ihm noch einen griffigen Reifen spendieren würde. In jedem Fall aber besitzt es ganz hervorragende Allround-Eigenschaften, die dank der Befestigungsmöglichkeit von Schutzblechen sogar einen commuting-/ oder bikepackingtauglichen Aufbau ermöglichen würde.

Endlich Frühling! Zeit für ein paar Veränderungen…

Als sich der Winter endlich verabschiedete, war es an der Zeit, das andere Gesicht des HVRT kennenzulernen. Also baute ich die dicken Schlappen aus, drehte des Gabel-Flip-Chip auf „Hi“ und montierte die 28-Zoll-Laufräder mit dünner Straßenbereifung von Michelin. Und siehe da: Tatsächlich stellte sich ein gewisser „Aha“-Effekt ein. Klar, man erhält kein komplett anderes Fahrrad. Aber die Unterschiede sind doch ziemlich markant. Bisher hatte ich das HVRT eher als gutmütigen Allrounder kennengelernt. Plötzlich saß ich auf einem flotten Rennrad, das mich tatsächlich dazu anstachelte, mal wieder ein bisschen Gas zu geben. Den Hauptunterschied machen hier sicherlich die Laufräder und die Reifen aus. Der Flip-Chip an der Gabel ist das Feintuning. Und hier hat man immer noch die Möglichkeit, sich zwischen „eher komfortabel“ und „tendenziell aggressiver“ zu entscheiden. Es sind kleine Veränderungen, die sich aber durchaus bemerkbar machen. Dabei würde ich auf keinen Fall sagen, dass eine der beiden Möglichkeiten die Bessere ist. Vielmehr sollte es jeder einfach selbst ausprobieren und die für sich passende Einstellung finden. Das wiederum ist überhaupt kein Problem, denn die Änderungen sind total schnell und ohne große Schrauborgie erledigt.

Es ist wirklich eine Frage von wenigen Minuten, bis das vormals gemütliche Gravel-Rondo im sportlichen Rennradlook vor einem steht…

In einer Sache bin ich mir aber dann auch noch ziemlich sicher: Wenn Rondo von „Racebike“ spricht, dann meinen sie sicher nicht den ergebnisorientierten Vollblutrennfahrer. Denn dafür ist das HVRT sicher nicht die optimale Wahl. Insgesamt ist es ein sehr robustes, tendenziell komfortables Rennrad, das zudem nicht das Allerleichteste ist. Da ich aber ja Rondo-Boss Szymon persönlich kennengelernt habe (auf meiner „Bring me back Home Tour“), weiß ich genau, wie er das meint: Er selbst fährt unter der Woche mit seinen Bikekumpels durch die Gegend und versucht dabei, möglichst fernab der Hauptstraßen unterwegs zu sein. Dafür ist das HVRT bestens gerüstet. Am Wochenende baut er schnell aufs „Race-Setup“ um, und gibt sich auf der Rennstrecke die Kante. Nicht, um Weltmeister zu werden, sondern um seine Leidenschaft auszuleben. Und das alles auf ein und demselben Fahrrad. Und genau dafür ist das HVRT genau richtig!

Und schon kann man auch auf Asphalt richtig Gas geben!

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Fazit


Ist das HVRT von Rondo nun Wolf und Schaf in einem Bike? Ich finde, es ist noch viel mehr. Es ist günstig genug, um ein Bike für den Alltag zu sein. Es ist schön und außergewöhnlich genug, um Eye-Candy in der Sammlung des Radliebhabers zu sein. Es ist klassisch und modern. Es ist Road und Gravel. Es ist komfortabel und effizient. Es ist im Gegenzug kein Spezialist – aber genau das macht es aus. Das Rondo HVRT ist ein klasse Bike für alle, die einen zuverlässigen und erschwinglichen Partner für all das suchen, was auf und abseits der Straßen Spaß macht.