Autostadt vs. Fahrradstadt – und worüber man sonst auf langen Touren nachdenkt... Kolumne, Martin’s Cycle Life
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Erst, wenn aufgrund eines Virus die Straßen leer und ruhig sind, fällt einem so richtig auf, was wir Menschen uns in unseren Städten antun. Worüber Martin auf seinen Touren so nachdenkt. Das Thema dieses Mal: Autostadt vs. Fahrradstadt.

Neulig bin ich mal wieder etwas länger Fahrrad gefahren. Um genau zu sein, waren es mehr als 500 Kilometer in zwei Tagen, mit meinem Lastenrad plus Anhänger. Für viele Menschen ist das eine relativ große Distanz in einer relativ kurzen Zeit. Für mich ebenfalls und ihr könnt euch sicher sein, dass mir danach der Hintern schmerzte. Aber darum geht es nicht. Vielmehr geht es darum, dass man wirklich lange im Sattel sitzt und dabei im Grunde nicht mehr machen kann, als treten, lenken und: nachdenken.

Infrastruktur für Autos Infrastruktur für Fahrräder

Das geht besonders gut, wenn aufgrund eines Virus die meisten Menschen zu Hause bleiben und die Straßen deutlich leerer sind, als es normalerweise der Fall ist. Dadurch ist es nicht nur ruhiger. Dadurch fiel mir vor allem eines auf: Wie unglaublich viel Platz Straßen in Anspruch nehmen. Ich fuhr durch große Städte mit mehrspurigen Straßen und erst durch das Fehlen all der Autos fiel es mir so richtig krass auf, was die Menschen in Kauf nehmen, nur um überall herumfahren zu können. Es war auf einmal so leer, so ruhig und so ohne Aggressionen und Stress. Wenn man sich nun noch die ganzen betonierten und asphaltierten Flächen wegdenken würde, ja dann könnte es hier ganz schön sein.

Nun fragte ich mich, warum die Menschen dennoch all den Lärm, Dreck und die Gefahren, die von Autos ausgehen, in ihrer unmittelbaren Umgebung in Kauf nehmen? Es sind doch dieselben Menschen, die in den Urlaub flüchten, um dort Ruhe und Naturidylle zu genießen. Man fliegt dann irgendwohin, um ein autofreies Feriendorf zu genießen oder über schmale Wanderfpade zu spazieren. Hinterher erzählt man dann stolz, wie schön es dort war, wohin man es unter normalen Umständern vielleicht einmal im Jahr schafft. Und dann setzt man sich wieder in sein Auto, und verpestet sich seine eigene Heimat. „Das ist doch irgendwie dumm“, schoss es mir durch den Kopf.

Erst durch das Fehlen all der Autos fiel es mir so richtig krass auf, was die Menschen in Kauf nehmen, nur um überall herumfahren zu können.

Martin Donat

„Ja aber….“, hörte ich schon die Skeptiker rufen. Ja aber es geht doch nunmal nicht anders. Ja aber ich habe doch gar nicht so viel Zeit, ja aber ich brauche doch viel zu viele Sachen, ja aber die Kinder müssen doch auch irgendwie zur Schule kommen, ja aber, ja aber… Ja, aber: Ich fahre hier gerade auf einem Fahrrad und transportiere 200 Kilo Dinge durch halb Deutschland, was zeigt, dass es geht. Ja, aber es ist doch wissenschaftlich hinreichend belegt, dass man mit dem Fahrrad auf kurzen Distanzen deutlich schneller ist, als mit dem Auto. Ja, aber es ist ebenso wissenschaftlich belegt, dass es meiner Gesundheit gut tut. Ja, aber es braucht doch eigentlich auch überhaupt keine Wissenschaft, um selber zu merken, dass frische Luft, Ruhe und Natur uns gut tun. Ja, aber warum sehen Städte dann so aus, wie sie aussehen? Ich musste an Kopenhagen denken. Dort ist auch nicht alles perfekt. Aber dort gibt es viele Ecken, die beweisen, wie schön es in einer Stadt sein kann, wenn man nur „ein bisschen“ Fahrradinfrastruktur baut und die großen Straßen drumherum führt. Oben im Schiebebild könnt ihr ja mal ausprobieren, was euch besser gefällt.

Autostadt vs. Fahrradstadt? Für „Trucker“ Martin eine ganz klare Sache...
Beim Radfahren lässt sich prima nachdenken (auch beim Pausemachen). 😉

Was mich am meisten an der ganzen Sache wundert ist das mit dem Geld. Fahrradwege sind so unglaublich viel günstiger als Straßen. Und allein, was ein bisschen mehr Bewegung der Menschheit unserem Gesundheitssystem an Kosten sparen würde – vielleicht können wir uns dadurch so eine Pandemie locker „leisten“, wer weiß. Also, wenn es ums Geld geht, regt sich doch meisten etwas, oder nicht? Oder nicht. Schade eigentlich. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Menschen ’ne coole Karre einfach besser finden, als ein schickes Fahrrad. Daran, dass sich in einem Auto jeder, egal wie faul und unfit er ist, schnell und stark fühlen kann. Vielleicht muss man erst Autowerbung verbieten und den Kids in der Schule zeigen, wie abgefahren so ein Rad ist? Immerhin: Was wir gerade erleben zeigt, dass die Politik (also irgendwie auch „wir“) durchaus in der Lage sind, schnell und konsequent zu reagieren, wenn uns wirklich aufdringlich etwas so richtig an den Karren pisst. Im Fall „Corona“ kam die Reaktion zwar auf den letzten Drücker, doch noch schnell genug. Mit dem Klima ist es ein bisschen anders. Dessen Veränderungen sind spürbar, aber nicht derart unmittelbar, dass sich alle Welt ins Hemd machen würde. Da können wir uns doch auch noch in zehn Jahren drum kümmern, oder nicht?

Ich war ganz schön lange unterwegs an jenem Wochenende. Und so fertig ich auch war, so ineffizient diese Fahrt auch wirken mag: Ich war erschöpft, aber zufrieden und stolz, als ich zurück kam. Dieses Gefühl hatte ich nach noch keiner Autofahrt.

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