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Dirty Boar Gravel Tour 2017: Eine Schöne Schweinerei!

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Wer die Wettervorhersage gecheckt hat, für den gab es zwei Optionen: es durchziehen, wohlwissend, dass es fernab jeder Komfortzone sein wird, oder kneifen. Die natürliche Auslese durch Wind und Wetter brachte die Riege der Hartgesottenen zu einer ausgedehnten Graveltour an der deutsch-belgischen Grenze zusammen. Dirty Boar 2017 – so war das damals!

Inhalt

Das schmutzige Vorspiel eines feucht-fröhlichen Sommer Wochenendes

Es regnet in Strömen, als ich über den Trassenradweg durch Wuppertal rolle. Der Wind weht, wie meistens, direkt in die Fresse. Die Stadt ist eingelullt in eine dunkle Wolke, das Grau-in-Grau nur gestört durch meine leuchtend rote Regenjacke. Dazu sorgen eine Regenhose, wasserdichte Socken und eine wasserdichte Rennradkappe dafür, dass ich nicht bereits jetzt bis auf die Unterwäsche durchnässt bin. Man könnte meinen, dieser Freak ist wenigstens gut vorbereitet. Doch dies ist erst das Vorspiel. Meine Anreise zum Dirty Boar ist in zwei Etappen unterteilt: Zunächst fahre ich mit dem Rad nach Köln, genauer gesagt zum Radhersteller Bombtrack. Von dort nehmen mich die beiden Bombtrack Mitarbeiter Manuel und Marcellus in ihrem Transporter mit nach Belgien. Fahrgemeinschaft im Sinne der Nachhaltigkeit. Der Komfort leidet etwas. Für mich, weil ich kaum etwas zum Umziehen dabei habe und friere. Für die anderen, weil in ihrer Mitte ein feucht-muffelndes Etwas kauert, das dauernd die Heizung viel zu hoch drehen will.

Die Ankunft an der Dirty Boar Location in Belgien geschieht fast unbemerkt, denn es ist so neblig, dass man eh nichts sieht. Das Hinweisschild zum Skilift verwirrt uns etwas. Doch klammheimlich hat sich die Landstraße von Aachen ins Nirgendwo auf immerhin 600 Meter Höhe hinaufgeschraubt. Hier oben fühlen sich die Wildschweine wohl, daher hat die Tour ihren Namen. Doch nicht nur die: Wir befinden uns in der „Hohen Venn“, einem Hochmoor mit so spezieller Flora und Fauna, dass hier eigentlich alles unter Naturschutz steht. Es ist Belgiens größtes Naturschutzgebiet, verrät mir Wikipedia. Vielleicht braucht so ein Hochmoor ja viel Feuchtigkeit, sicher ist es ganz natürlich, dass ich mitten im Hochsommer vor Kälte und Nässe bibbere. Der wie Erbsen aufs Autodach prasselnde Regen schürt akustisch die Vorfreude auf die Nacht im Zelt.

Scheiss auf regenjacke!
Bombtrack Mitarbeiter Marcellus hat es knallhart durchgezogen. Scheiss auf Regenjacke – die abgerockte Jeans-Weste tat es auch!

Der Dirty Boar Veranstalter hat seine Prioritäten im Vorfeld darauf gelegt, dass hier auch alles mit rechten Dingen zugeht. Die Tour ist hochoffiziell genehmigt, wir bekommen Transponder, damit auch keiner schummelt und einen Bier-Bong für die Erfrischung danach. Ein Campingplatz, Duschen, Frühstück oder ein Bikewash sind dagegen nicht vorgesehen. In Sachen Infrastruktur also maximaler Freestyle, was ja erstmal symphatisch ist. Wir bauen das Bombtrack Zelt auf, ich rege mich kurz über das im belgischen Supermarkt erstandene Kirsch-Bier auf, der ein oder andere Bombtrack Teamfahrer sagt kurz „Hallo“. Normalerweise bin ich ja hart im Nehmen. Normalerweise bin ich aber auch allein unterwegs. Nun nutze ich die Gesellschaft, um ein wenig herumzujammern, wenn mir schonmal jemand zuhören muss. Schon wenig später zittere ich mich in den Schlaf.

Dirty Boar: Von Pfützen, Wurzeln und anderen Waldbewohnern

Um 6 klingelt der Wecker. Hallo Wochenende! Der angesagte Starkregen prasselt aufs Zeltdach und sein Kumpel, der Wind, weht von Zeit zu Zeit eine erfrischende Brise unter der Seitenwand hindurch. Zum Frühstück gibt´s ein paar belgische Convenience Schokowaffeln aus besagtem Supermarkt (verdammt, sie sind nicht viel besser, als die Kirschplörre) bevor ich wieder in die vom Vortag feuchten Klamotten beziehungsweise triefend nassen Schuhe schlüpfe. Als ich endlich fertig bin, wage ich einen kurzen Blick in die leeren Blicke meiner Mitstreiter. Motivation sieht anders aus. Warum zur Hölle tun wir uns das an? Bereitet uns die Selbstkasteiung per Zweirad so viel Freude oder will nur keiner vor den anderen sein Gesicht verlieren?

Moor-landschaft in der hohen venn
Die typische Moor-Landschaft der hohen Venn. Soweit, so schön. Wenn da n ur nicht der weiche Boden, die leichte Steigung und der fiese Gegenwind wären.-..

Genug Fahrer sind klammheimlich im warmen Bettchen geblieben. Wer hier beim Dirty Boar ist, zieht es nun durch. Um 7 Uhr ist Start. Ich bin so gespannt, was mich erwartet. Doch zunächst einmal sind noch ein paar ungemütliche Minuten angesagt, denn es geht erstmal bergab, sodass die Kälte vom Fahrtwind auch in die letzte Ritze gepresst wird. Nach ein paar Straßen und typischen „Gravel“ Wegen biegt die Route ab auf einen Singletrail, der schon im Trockenen Spaß gemacht hätte. Unter diesen Bedingungen kann ich meine Begeisterung nur mit lautem Quietschen und Kreischen zum Ausdruck bringen: Knöcheltiefe Pfützen wechseln sich mit klatschnassen Wurzeln ab, wer hier nicht laufen lässt, rutscht weg. Das Dirty Boar nimmt Fahrt auf!

170 Kilometer gilt es beim Dirty Boar zu bewältigen. Das ist schon auf der Straße keine ganz kurze Tour. Garniert mit Schotterwegen und Trailpassagen dürfte sich die heutige Tour über rund 10 Stunden erstrecken und einige Körner kosten. Es gilt also, langsam zu machen, um nicht das Pulver frühzeitig zu verschießen. Erstes „Motivationsziel“: der erste Verpflegungsstopp, der etwa bei Kilometer 60 auf uns warten soll. Bis dahin erfreue ich mich meiner Regenbekleidung, die mich warm hält und mich dazu verleitet, jede Pfütze mittendurch zu nehmen. Langsam wird es hell und es klart sogar ein bisschen auf, sodass ich einen ersten Eindruck von der wirklich schönen Landschaft der hohen Venn bekommen kann. Größtenteils ist sie sehr offen und mit, so vermute ich mal, typischen Moorpflanzen bewachsen. Ich habe es nicht ausprobiert, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man sofort knietief im Matsch versinken würde, sobald man einen der angelegten Wege verließe. Ab und an blitzt die Sonne durch und sorgt für morgendliches „Wow“-Feeling.

Schlammpackung beim dirty boar
Einmal Schlammpackung, bitte. Am Ende war es so dirty, dass es eigentlich schon wieder richtig gut war!
Dirty popo
Auch ein dirty Hinterteil hat es verdient, hier erwähnt zu werden. Denn die Hinterteile der Teilnehmer waren wirklich sehr dirty! Aber am Ende lange nicht so platt wie die derer, die lieber auf der Couch bleiben…

Schon nach 50 Kilometern wartet überraschend früh das belgische Snack-Buffet auf die schweinischen Radler. Natürlich gibt es Schokowaffeln, allerlei Gebäck und komische, bunte, unfassbar süße Zucker-„Murmeln“, die sich sofort wie Fließestrich in sämtliche Vertiefungen der Zähne einnisten, um dann blitzbetonmäßig zu erstarren, sodass die Zunge noch Stunden später daran zu prockeln hat. Ich bevorzuge fortan lieber Nahrungsmittel halbwegs natürlichen Ursprungs. Am Verpflegungsstopp trifft man sich. Ich smalltalke kurz mit dem ein oder anderen Bekannten, aber vor allem sehe ich viele mir bislang fremde Gesichter aus Belgien, Holland, Frankreich und sogar England, die allesamt ihre Leidenschaft fürs Radfahren und ihre Leidensfähigkeit beim Radfahren verbindet. Das Durchschnittsalter ist gefühlt erstaunlich hoch, was mir Hoffnung schenkt für die Zukunft. Mittlerweile sind alle warm und man scherzt über das Wetter und die damit einhergehenden Verzierungen an Rad und Radler, anstatt sich darüber zu beschweren. Bevor es kalt wird, fahre ich lieber weiter.

Stefan „fish“ vis beim dirty boar
Das Rad zu tragen gehört bei einem Gravel Ride halt auch mal dazu. Hier seht ihr übrigens Bombtrack Fahrer Stefan „Fish“ Vis, der die ganze Sache ganz enstpannt auf dem Singlespeeder erledigt hat. Foto: Franziska Wernsing

Wenn die Not zur Tugend wird

Langsam geht es voran. Hoch und runter, mal Schotter, mal Straße, mal Radweg. Ganz selten richtig Offroad. Immer wieder kommt die Sonne durch und ich bin des öfteren kurz davor, meine Regenbekleidung auszuziehen. Jedes mal, wenn ich gerade anfange, übertrieben zu schwitzen und mich selber über meine Faulheit ärgere, werde ich in meinem Tun durch heftige Regenschauer bestärkt. Gut, dass ich die Sachen noch anhabe! So bleibt es den ganzen Tag. Durch den Wechsel von Sonne und Regen bleibt das Dirty Boar erträglich. Ich hatte es bereits erwähnt und muss es wieder tun: Die Landschaft ist echt schön! Immer wieder diese hochgelegene Moorebene. Immer wieder mal eine Talsperre. Ab und an mal eine Ortsdurchfahrt, aber selbst diese sporadischen Ansammlungen menschlicher Zivilisation hat es in diesem Landstrich scheinbar ganz gut getroffen. Es beginnt die Phase, in der sich die meisten tatsächlich wohl fühlen. Das Wetter ist ok, die Landschaft der Hammer und die Kräfte sind noch vorhanden. Ein kleiner, an den Pfosten gehefteter Hinweiszettel läutet den Wendepunkt der Dirty Boar Tour ein: „Tiefster Punkt – ab hier geht´s bergauf“!

Dirty boar
Immer wieder der Wechsel von Regen und Sonnenschein – rein optisch eine tolle Sache!

In Wirklichkeit geht es aber mit den meisten bergab. Es wird langsam anstrengend. Und spätestens auf diesem verdammten, schnurgeraden Feldweg ganz oben auf dem Moor geht allen ein Fluch über die Lippen, denn hier zehren die drei Nerv-Faktoren des Radsports an den Nerven und Kräften der Fahrer: Es geht permanent leicht bergauf, es weht ein fieser Gegenwind mit voller Power und zu allem Überfluss ist der Boden sandig-weich. Ätzend, anstrengend und irgendwann, nach unendlichen fünf Kilometern, endlich vorbei. Ein Regenschauer, ein Verpflegungsstopp – weiter geht´s.

Ich beginne, die Kilometer zu zählen. 100. 120. 137. Bei Kilometer 137 ist der letzte Verpflegungsstopp des Dirty Boar und gleichzeitig der „Timeout“ Punkt: wer hier nach 17 Uhr eintrifft, muss die Tour beenden. Davon bin ich noch weit entfernt. Tatsächlich sieht es so aus, als wenn ich in deutlich weniger als 10 Stunden ins Ziel rolle. Vorausgesetzt es passiert nichts Unvorhergesehenes. Plötzlich winkt mich eine Fahrerin von der Strecke: Ihre Bremsen machen keinen Mucks mehr. Keine guten Voraussetzungen. Ich lasse fachmännisch meinen Blick über ihr Gefährt schweifen und verkünde souverän, dass sich wohl die Bremsbeläge ihrer mechanischen Scheibenbremse abgenutzt hätten. „Der Boden hier ist wie Schmirgelpapier.“, versuche ich die Radlerin mit Fachwissen zu beeindrucken. Schnell noch an der passenden Schraube gedreht und plötzlich zieht die Bremse wieder.

Dirty boar: feucht fröhliches gravel event in belgien
Ein feucht-fröhliches Dirty Boar Wochenende war das! Und wären gegen Ende der Tour nicht diverse Flußdurchfahrten gewesen – zumindest die Räder wären danach noch „dirtier“ gewesen! Foto: Franziska Wernsing

Sie sollte nicht die einzige bleiben, deren mechanische Scheibenstopper Aufmerksamkeit brauchten: Bereits wenig später verhelfe ich dem nächsten Fahrer zu neuer Bremskraft, sodass auch dieser Radsportfreund sicher ins Ziel fahren kann. Noch 15 Kilometer. 15 Kilometer, die es in sich haben. Eine lange Abfahrt macht so viel Spaß, dass ich plötzlich einen richtigen Kraftschub verspüre! Ich nehme die ein oder andere Erfrischung in Form einer Flußdurchfahrt mit Schwung und sprinte den letzten Anstieg hinauf, als würde oben irgendein farbiges Trikot vergeben. Dann, völlig unerwartet, das Ziel. Scheinbar war die Dirty Boar Runde etwas kürzer, als geplant: Bereits nach 165 statt 170 Kilometern bin ich wieder am Skilift angekommen. Verdammt, war das dirty, verdammt, war das schön!

Cooldown

Nach und nach trudeln alle ein. Alle sind sichtlich erschöpft, aber glücklich. Die vormals leeren Blicke verkünden nun ungefragt die Antwort auf die Frage, warum man sich das Dirty Boar antut: weil es einfach Spaß macht, an seine Grenzen zu gehen, sich völlig auszupowern, den Tag draußen in der Natur zu verbringen und den seltenen Menschen über den Weg zu radeln, die tatsächlich richtig ok sind. Sollen die anderen sich doch ihre Hinterteile auf der kuschligen Couch platt sitzen! Apropos: Jetzt gibt’s endlich das versprochene Bier und eine dicke Tüte mit belgischen Fritjes.

Bombtrack „hook ext c“ im test
Bombtrack´s „Hook EXT C“ in der 2018er Ausgabe. In der deutsch-belgischen Matsche des Dirty Boar haben wir ihm definitiv nichts geschenkt und berichten hier über unseren 170 km langen ersten Eindruck.
Digitale ausgabe | lifecycle magazine
Dirty Boar Gravel Tour 2017: Eine Schöne Schweinerei!

Diese Geschichte entstammt unserer Erstausgabe, die 2017 erschienen ist. Sie ist bereits ausverkauft, was einerseits schade ist, andererseits ziemlich cool, denn das war unser Plan: So viele Hefte zu drucken, wie wir verkauft bekommen. Wenn dir diese Geschichte gefallen hat und du gern die komplette Ausgabe #1 lesen möchtest, kannst du sie noch als digitales Magazin im PDF Format kaufen.

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Martin Donat

Martin Donat

Erfahren im Abenteurern. Seit 20 Jahren in der bunten Fahrradwelt unterwegs. Aus der Leidenschaft wurde ein Job: Seit zwei Jahrzehnten ist Martin als Redakteur, Fotograf und „Mädchen für alles“ tätig. Rennräder, Gravel- oder Mountainbikes sind seine Welt und das Thema Nachhaltigkeit ist für ihn mehr, als ein Modewort.

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