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Wie nachhaltig ist eigentlich eine Fahrt mit der Bahn?

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Wer nachhaltig reisen möchte, kommt um ein Dream-Team kaum herum: das Fahrrad in Kombination mit der Bahn. Oder? Martin Donat hat sich mal gefragt, wie nachhaltig das wirklich ist...

Inhalt

Der Klimawandel und seine Ursachen sind ein unheimlich komplexes Thema, das merke ich immer wieder. Man kann nicht pauschal sagen, was exakt welchen Einfluss aufs Klima hat und es gibt unglaublich viele Studien, die zu unglaublich vielen Ergebnissen kommen. Je nachdem, wie man eine Rechnung angeht oder wie man sich etwas schön rechnen möchte, kommt man auf völlig unterschiedliche Ergebnisse. Das gilt auch fürs Thema „Bahnfahren“. Die einen behaupten, Bahnfahren wäre DIE Lösung für die Mobilität der Zukunft, andere belegen glaubhaft das Gegenteil. Also habe ich mal versucht, mir ein eigenes Bild zu machen und ein bisschen recherchiert. Das ist natürlich auch keine Garantie für nix, aber vielleicht taugen meine Ergebnisse ja als Denkanstoß…

Grundsätzlich sind Bike und Bahn ein super Team: Damit lassen sich auch ferne Reiseziele erreichen und das deutlich nachhaltiger, als per Auto oder im Billigflieger. Hier ist Martin gerade auf dem Weg zu einem Gravel-Event in Schottland, die Story dazu gibt’s hier.

Wie ist das mit den Emissionen? Bahn vs. Auto vs. Flugzeug

Was hinten rauskommt, lässt sich im Grunde ziemlich einfach feststellen – außer man baut irgendeine Vertuschungs-Software in die Fortbewegungsmittel ein. So kann man relativ einfach ein Ranking aufstellen, welches Fortbewegungsmittel welche Emissionen verursacht. Wichtig ist dabei natürlich die Frage, wie viele Personen ein Fahrzeug transportiert. Logisch: Ein Auto mit einer Person ist weniger effizient, als eines mit fünf Insassen, denn der Verbrauch bleibt ja mehr oder weniger gleich. Ebenso ist ein prall gefüllter ICE effizienter, als ein fast leerer. Hier macht es also Sinn, mit möglichst realitätsnahen Mittelwerten zu rechnen. Einem Auto zu unterstellen, dass es immer voll besetzt sei, ist genauso falsch, wie davon auszugehen, dass ein Zug immer halb leer ist. Das Bundesumweltamt stellt solche Berechnungen auf, die kannst du dir zum Beispiel hier anschauen. Die Werte für die Auslastung klingen für mich jedenfalls einigermaßen realistisch und man kann sich ziemlich leicht ausmalen, was passiert, wenn sie sich ändern. Fakt ist – egal für welches Fortbewegungsmittel: je besser die Auslastung, desto geringer die Emissionen pro Person. Wer sich solche Statistiken mit gesundem Menschenverstand anschaut, wird zu einem brauchbaren Ergebnis kommen.

Kein Auto ohne Straßen. Aber: auch keine Bahn ohne Schienen.

Was offenbar gerne unterschlagen wird, sind die Spuren, die durch die Errichtung und den Unterhalt der Infrastruktur der einzelnen Fortbewegungsmittel verursacht werden. Ein Auto braucht Straßen, die Bahn braucht Schienen, Flugzeuge brauchen Flughäfen. Das alles muss gebaut und gepflegt werden. Und auch die Fahrzeuge selbst müssen gebaut, gepflegt, gewartet und irgendwann entsorgt werden. Rechnet man all diese Faktoren mit ein, stehen vermeintliche „Umweltschweine“ plötzlich deutlich besser da. Vor allem dem Flugzeug kommt das scheinbar entgegen. Das benötigt nämlich „nur“ Flughäfen – deutlich weniger Aufwand, als tausende von Kilometer langen Straßen oder Bahntrassen. Dazu habe ich einen Artikel mit interessanten Ergebnissen gefunden. Demnach steht die Bahn zum Glück für mein „Bauchgefühl“ immer noch gut da, das Flugzeug holt aber ganz schön auf. Autos hingegen loosen ziemlich ab. Trotzdem ist eine Bahnfahrt, die einen nachvollziehbaren Grund hat, tausendmal besser einzustufen, als ein sinnloser Billigflug, der einzig und allein dem Amüsement dient. Finde ich zumindest…

Die Reise per (Bike und) Bahn ist eigentlich immer ein Abenteuer! Auf kaum eine andere Art lernt man Land und Leute besser kennen… Viele Ideen und Anregungen zum Reisen mit Bike und Bahn, insbesondere in Kombination mit einem Interrail Ticket, findest du hier.

Also mal ehrlich: Geht denn dann nachhaltiges Reisen überhaupt?

Meine Schlussfolgerung all dieser Informationen lautet also keinesfalls: Nimm die Bahn und alles ist gut. Vielmehr sollte man jede Reise in Frage stellen. Denn – irgendwie logisch – jedes Mal, wenn man sich mit großer Geschwindigkeit und ohne eigene Kraft aufzuwenden, fortbewegt, wird viel Energie benötigt. Also ist die klimafreundlichste aller Varianten immer noch, gar nicht zu verreisen. Meiner Meinung nach lohnt es sich, einfach mal den Kopf einzuschalten und ein bisschen nachzudenken. Vor allem lohnt es sich, das scheinbar in den Köpfen verankerte „Grundrecht auf freie Mobilität“ mal zu hinterfragen. Ist es wirklich so, dass jeder Mensch jederzeit für 19,99 Euro nach Malle fliegen können muss, selbst wenn er noch ein paar Viren als Souvenier mit nach Hause bringt? Ist es richtig, wenn jemand täglich stundenlang von seinem Wohnort zur Arbeit pendelt und ist das ein Verhalten, das jedem Menschen einfach so zusteht? Muss man mehrmals im Jahr an exotischen Reisezielen Urlaub machen? Muss es sein, den Weg zum Bäcker mit dem Auto zu erledigen? Ich sage ja nur…

Es gibt viele Arten, sich fortzubewegen. Die meisten davon erfordern große Mengen Energie. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sich öfter mal zu fragen: Muss diese Reise wirklich sein oder geht das vielleicht auch anders?

Also lieber zu Hause bleiben? Mein Fazit zum Thema Bahn und Nachhaltigkeit

Und was ist jetzt mein Schluss aus all dem? Natürlich ist es total schön, dass jeder Mensch sich heute relativ frei entfalten und somit auch frei bewegen kann. Solange er damit niemandem schadet, gibt es überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Trotzdem sollte sich, so finde ich, jede/r fragen: Handle ich so, dass ich mit gutem Gewissen meinen Mitmenschen und folgenden Generationen gegenüber agiere? Oder ist mein Verhalten, in diesem Fall also mein ökologischer Mobilitäts-Fußabdruck, ein echtes Problem? Ich finde: Wer zum Beispiel jedes Wochenende aufwendig verreist, sollte sich durchaus mal fragen, ob das wirklich sein muss. Dabei ist es fast egal, ob mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug. Keine Bahnfahrt ist besser, als eine sinnlose Bahnfahrt. Wer jeden Tag stundenlang pendeln muss, der kann sich durchaus mal fragen, ob die Arbeit beziehungsweise der Wohnort wirklich optimal gelegen ist. Und wer seine Kinder jeden Morgen im SUV zur Schule fährt, könnte einmal in sich kehren und überlegen, wie Generationen von Schülern das vor 50 Jahren nur hinbekommen haben. Ich habe schon oft erfahren, dass es keine Strafe ist, sich anders fortzubewegen. Wie zum Beispiel auf meiner Reise nach Afrika: Zwei Wochen reichen total aus, um per Rad und Bahn bis nach Marokko zu kommen. Und auf diese Weise war es tausendmal spannender, als wenn ich in vier Stunden dahin geflogen wäre…

Was wirklich sein muss und was purer Luxus ist – darüber lässt sich sicherlich mal wieder prima streiten. Worüber man hingegen eigentlich nicht mehr streiten kann ist, dass wir Menschen unsere Mobilität einschränken müssen, und zwar schnell. Wenn jeder versucht, seinen Mobilitätsdrang zu überdenken und hier und da zu optimieren, ist das ein erster Schritt und alles andere, als eine Strafe. Im Urlaub seine Heimat (neu) zu entdecken, kann total viel Spaß machen und ist keineswegs eine Einschränkung. Die Brötchen zu Fuß oder mit dem Fahrrad abzuholen statt mit dem Auto, wirkt total belebend und ist gesund – dass Bewegung dem persönlichen Wohlbefinden und der Gesundheit förderlich ist und somit am Ende sogar gut für die Wirtschaft ist, das ist mittlerweile hinreichend wissenschaftlich belegt. Mit der Bahn zu fahren hat unheimlich viele Vorteile gegenüber dem Autofahren – wer’s probiert hat, kann das vermutlich bestätigen. Wer kategorisch nichts ändern möchte und Argumente wie „das passt aber nicht in meinen Lebensentwurf“, „mit Kindern geht das doch nicht“ oder „das ist doch viel zu teuer“, versucht es ja noch nicht einmal und verhält sich dabei gegenüber Mitmenschen und vor allem gegenüber zukünftiger Generationen einfach unfair. Last but not least sind wir alle Vorbilder: Wie soll sich jemals etwas ändern, wenn wir nicht bei uns anfangen?

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Wer hat’s geschrieben?

Martin Donat

Martin Donat

Erfahren im Abenteurern. Seit 20 Jahren in der bunten Fahrradwelt unterwegs. Aus der Leidenschaft wurde ein Job: Seit zwei Jahrzehnten ist Martin als Redakteur, Fotograf und „Mädchen für alles“ tätig. Rennräder, Gravel- oder Mountainbikes sind seine Welt und das Thema Nachhaltigkeit ist für ihn mehr, als ein Modewort.

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