„Wenn ich später mal so werde, erschieß mich!“ Hast du das auch schonmal gesagt? Ob ich genau das gesagt habe, weiss ich nicht. So weit hätte ich möglicherweise nicht gehen wollen. Ich erinnere mich aber genauestens daran, wie ich damals eine ganze Liste voll mit Dingen und Eigenschaften im Kopf hatte, die ich auch in ferner Zukunft niemals annehmen oder besitzen wollen würde…

 

Mal abgesehen davon, dass ich keine Vorstellung davon hatte, dass es möglich wäre, diesen Mountainbike Sport, der damals ganz neu und trendy war, in zwanzig oder dreißig Jahren immer noch auszuüben – noch unvorstellbarer war es damals, dass ich einmal Rennrad fahren würde. Oder noch schlimmer: Dass ich Rennrad fahren würde und dabei auch noch Spandex trage. Und mehr als 80 Kilometer am Stück darauf zurück zu legen, das ist doch verrückt. Aber aus irgendeinem Grund stand ein Teil ganz oben auf meiner Liste der Dinge, die ich niemals besitzen würde: einen Buff. So etwas haben doch wirklich nur die allerletzten Winter-Outdoor-Trekking-Hippies an. So welche, die sich ihre Bio-Schafwoll-Pullis selber stricken, die Lenker mit Korkgriffen haben und die auf der Radtour Nachts im Zelt schlafen.

 

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Über die Jahre veränderte sich einiges. Es begann damit, dass ich klammheimlich anfing, Rennrad zu fahren. Zu Beginn musste davon ja niemand etwas mitbekommen. Und so richtig Rennrad fahren ist das doch auch nicht, wenn man damit nur zur Arbeit fährt, oder? Um die Downhillfahrer-Ehre zu retten, trug ich wenigstens einen Dirthelm, der am Kopf drückte, eine lockere Shorts von Fox, die im Gegenwind flatterte und Downhill Handschuhe, die Schweißfinger machten. Irgendwann tauschte ich den Dirthelm stillschweigend gegen ein Rennradmodell. Ist doch irgendwie bequemer. Und die leichten Road-Handschuhe, ganz ehrlich, machen ja schon Sinn. Anfangs war es mir echt zu peinlich, in knallenger Spandex-Montur zuhause los zu fahren, so dass ich mit Über-Short losfuhr, die ich unterwegs ablegte. Ich fing an, mich öffentlich zu meiner Alternativ-Disziplin zu bekennen und wurde auf dem ein oder anderen Downhillrennen dafür belächelt. Dass ich auf einmal in der Lage war, mehr als drei Trainingsabfahrten zu absolvieren, ohne völlig am Ende zu sein, war ein angenehmer doch anfangs unterschätzter Nebeneffekt.

 

„Anfangs war es mir echt zu peinlich, in knallenger Spandex-Montur zuhause los zu fahren, so dass ich mit Über-Short losfuhr, die ich unterwegs ablegte.“

 

Irgendwie war mir das alles zu normal. Also begann ich, das mit dem Rennrad mal ein wenig auf die Spitze zu treiben. Ich hatte ja keine Ahnung. Meine erste 150-Kilometer-Tour war für mich selber schon krass. Die Downhillkumpels erklärten mich für durchgeknallt. Es war, als sei ich auf der Suche nach immer verrückteren Fahrten, allein, um die Sache mit dem Rennrad durch scheinbar maßloses Übertreiben auf die Schippe zu nehmen. Auf einem 24-Stunden-Singlespeed-Rennrad-Rennen in einem Parkhaus in Wien knackte ich zum ersten Mal die 200-Kilometer-Marke. Am Ende wurden es 438 – ich weiss es noch, als wäre es gestern gewesen. Es wurde zur Normalität. Und es machte mir ernsthaft Spaß. Von der Funktionsunterwäsche über knallenge Rennradtrikots, ja sogar die Arschcreme wurde ausprobiert.

 

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Bis neulich die letzte Bastion der Selbstachtung fiel. Es war wieder einmal so kalt und zugig und mein Nacken tat eh schon weh, als ich ihn sah. Seit Jahren lag er da im Regal. Er war ein Werbegeschenk und er fristete seither sein trauriges, verachtetes Dasein. Denn er war ein… BUFF! Aus dem Augenwinkel blickte ich verstohlen in sein Regal. Schaute kurz nach links und nach rechts, als würde mich jemand beobachten. Griff dann blitzschnell und unauffällig nach dem weichen Schlauch aus bedrucktem Stoff, stülpte ihn über den Kopf und machte mich auf in die winterliche Dunkelheit, als sei nichts gewesen. Wenigstens sieht es niemand. Doch wie geschah mir? Mein ganzer Hals, mein ganzer Nacken, alles war plötzlich erfüllt von nie da gewesener Wohligkeit. Das verabscheute Produkt entpuppte sich als einfachstes Mittel gegen die fiese Kälte. Ich musste es zugeben: 25 Jahre kalter Nacken waren für die Katz. Dieser Buff gefiel mir. Ich hieß mich selbst willkommen in meiner spießigen Zukunft.

 

Um irgendwie aus der Nummer rauszukommen und der Erkenntnis aus dem Weg zu gehen, dass mich langsam aber sicher das Alter überkommt, habe ich nun die Flucht nach vorn ergriffen und dem Buff wieder „good bye“ gesagt. Stattdessen ziert nun ein waschechtes, saucooles Mountainbike Produkt meinen empfindlichen Hals. Es kommt von Platzangst (yeah, die kenne ich doch noch von damals), ist aus Polyester, hat ein oldschool Camo-Muster und heisst „Tube“. Und damit fahre ich am Wochenende nach Hamburg. Auf dem Gravelbike, 360 Kilometer am Stück.