Tubeless oder Schlauch. Das ist in etwa so wie Fleisch oder Vegan, wie schwarz oder weiß, wie Fahrrad oder Auto. Oft vorgetragene Anti-Tubeless-Argumente sind „zu anfällig“, „zu umständlich“, „zu viel Sauerei“. Rein technisch hat der neue Standard jedoch einiges zu bieten: In der Theorie ist Tubeless nämlich äußerst pannensicher und soll mit hervorragenden Fahreigenschaften überzeugen, allein, weil die reibende Gummischicht des Schlauchs wegfällt. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber: Ja, Tubeless kann einen richtig ärgern. Das Milkit Tubeless Kit will damit Schluss machen.

Im Grunde verspricht Milkit mit seinem Tubeless Kit/Ventilsystem vor allem eines: Eine deutlich einfachere Handhabung ganz ohne Sauerei. Die Möglichkeit, den „Füllstand“ der notwendigen Dichtmilch im Inneren des Reifens zu kontrollieren ohne den Reifen zu demontieren, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Grund genug für mich, das System einmal auszuprobieren.

Was ist das Besondere am Milkit Tubeless System?


Um diese Frage zu beantworten, macht es Sinn, sich das System einmal in Ruhe anzuschauen und zu verstehen, was es macht. Da die meisten Menschen keinen Röntgenblick haben und nicht durch Reifen, Felge und Ventil hindurchsehen können, hilft eine kleine Grafik auf der Verpackung des Milkit Tubeless Kits, die Funktionsweise zu verstehen. 

Dieses Bildchen auf der Packung des Milkit Tubeless Kits veranschaulicht treffend dessen Funktionsprinzip. Das Kit bestehend aus zwei Ventilen, einer Spritze sowie den benötigten Röhrchen kostet 55,95 Euro (UVP).

Wichtigstes Teil im System sind die speziellen Milkit-Ventile. Diese unterscheiden sich in zwei Punkten von einem normalen Ventil: Im Inneren des Reifens befindet sich eine spezielle Gummimembran, die im Grunde so eine Art „Rückschlagventil“ ist, die selbst ohne das eigentliche „Ventilherz“ die Luft im Inneren des Reifens hält. Mit anderen Worten: Man kann den Ventilkopf ausbauen und nichts passiert. Normalerweise wäre die Luft binnen Sekunden raus aus dem Reifen. 

Das Ventilherz vom Milkit-Ventil wird durch ein kleines Plastikröhrchen verlängert, welches im eingebauten Zustand die Gummimembran im Inneren des Systems „öffnet“. Dieses Plastikröhrchen blieb an einem Ventil im Test im Reifen „hängen“, was so natürlich nicht sein darf.

Damit das Ventil funktioniert wie ein normales Ventil, ist die Milkit Version etwas modifiziert: Es wird durch ein Kunststoffröhrchen verlängert, das beim Einschrauben des Ventils durch die Gummimembran geführt wird und auf diese Weise das System „öffnet“, sodass es sich genau so handhaben lässt, wie mit einem ganz normalen Ventil. Ohne dieses Röhrchen könnte man durch Öffnen des Ventils keine Luft ablassen.

Die Lösung der Tubeless-Probleme?
Diese Spritze und ihr röhrenförmiger Anhang sollen sorgenfreie Tubeless-Sessions bescheren.

Wozu das Ganze? Der Clou ist der Rest des Kits: Eine Spritze mit einer dünnen Plastikröhre, wie das Röhrchen am Ventilende. Baut man den Milkit-Ventilkopf aus (zur Erinnerung: keine Luft entweicht dabei aus dem Reifen), lässt sich stattdessen die Spritze einführen. So hast du von außen sauberen Zugriff ins Reifeninnere und kannst zum einen checken, ob überhaupt noch Dichtflüssigkeit im System ist, zum anderen kannst du das System neu befüllen oder nachfüllen. Soweit, so raffiniert. So richtig habe ich es trotzdem erst verstanden, nachdem ich es einmal selbst ausprobiert habe.

Milkit Tubeless System neu befüllen


Im Grunde ist es ganz einfach und beginnt, wie bei jedem Tubeless System: Felge abdichten (sofern noch nicht für Tubeless vorbereitet), Reifen auf einer Seite aufziehen und das spezielle Ventil einbauen. Nun würde man normalerweise die Dichtflüssigkeit in den Reifen kippen und ihn auch auf der anderen Seite auf die Felge ziehen. Hier fängt oft die Sauerei an. Mit Milkit kann das nicht passieren, denn man kann den Reifen erstmal aufziehen, ohne die Flüssigkeit einzufüllen. Soweit, so sauber.

Was auf den ersten Blick etwas kompliziert wirken mag, ist eigentlich wirklich einfach. Bei der Tubeless-Montage mit Milkit sollte man dennoch ein paar Dinge beachten, damit es wirklich so sauber und einfach läuft, wie versprochen.

Nun wird es spannend. Sobald der Reifen sitzt, dreht man das Ventil heraus und kann mit viel Druck den Reifen aufpumpen. Am einfachsten geht es mit einem Kompressor, alternativ nimmt man einen „Booster“ wie den von Milkit. Zweck der Übung: Der Reifen soll erstmal ins Felgenbett springen, damit er sich später einfacher aufpumpen lässt.

Kernstück des Systems: das spezielle Milkit-Ventil. Dieses muss zunächst sauber und dicht montiert werden.

Ist das gelungen, kommt die Spritze zum Einsatz: Sie wird mit der passenden Menge Dichtmilch befüllt und durch die Ventilöffnung ins Innere des Reifens eingeführt. Dann wird die Dichtmilch einfach hineingedrückt. Spritze raus, Luft rein (mit noch ausgebautem Ventil, denn dann kann man schneller mehr Druck aufbauen). Das Coole: Obwohl das eigentliche Ventil noch nicht drin ist, entweicht dennoch keine Luft, sofern der Reifen bereits dicht abschließt. Zuletzt wird noch der Ventilkopf eingeschraubt und der passende Luftdruck eingestellt. Fertig!

System kontrollieren


Tubeless-Dichtmilch verhärtet mit der Zeit und es kann auch vorkommen, dass kleine Mengen aus dem Reifen entweichen. Irgendwann ist schlicht zu wenig Dichtmilch im System, um den Reifen abzudichten. Daher muss man ab und an nachfüllen. Aber woher weiß man, wann es soweit ist? Dafür muss man den Reifen auf einer Seite von der Felge heben und nachsehen. Zumindest, wenn man kein Milit Tubeless Kit hat. 

Mit dem Milkit System ist es viel einfacher: Man baut das Ventil aus (und es entweicht keine Luft dabei, immer wieder toll). Zuvor sollte man den Reifenluftdruck auf unter 1,5 Bar ablassen. Das Rad muss nun so gedreht werden, dass das Ventil unten ist und die ganze Flüssigkeit im Inneren sich unterhalb des Ventillochs sammelt. Dann nimmt man die Spritze und achtet zuvor am besten zweimal hintereinander darauf, dass das kleine Ventil am Spritzenausgang geschlossen ist. Führt man die Spritze anschließend in den Reifen ein und der Verschluss war geöffnet, ist die Sauerei viel größer, als man es sich jemals vorstellen konnte. Ich hab das selber leider falsch gemacht (und das auch noch mit zu hohem Reifenluftdruck) – das kommt davon, wenn man die Bedienungsanleitung nicht richtig liest. Aber ich bin mir auch relativ sicher, dass ich nicht der Einzige bin, dem das schon passiert ist. Also: Reifenluftdruck absenken, Spritzenverschluss ZU, zweimal checken, dann einführen.

Nun öffnet man LANGSAM das Ventil an der Spritze und gibt dabei zur Sicherheit leichten Druck auf die Spritze selbst. Denn vom Reifeninneren will die verbliebene Luft nach draußen, sobald man das System öffnet. Nun lässt man den Spritzenkolben langsam „kommen“. Dabei steigt – sofern noch vorhanden – die Dichtflüssigkeit aus dem Reifeninneren in die Spritze nach draußen. Sobald Luft kommt, wird die Spritze geschlossen und man kann sie abnehmen. Nun lässt sich einfach ablesen, wie viel Flüssigkeit noch vorhanden ist und bei Bedarf nachfüllen.

Soweit die Theorie, die sich beinahe komplett so umsetzen ließ. Ein ärgerliches Problem hatte ich dennoch an einem der Ventile: Eines der schwarzen Röhrchen saß nämlich nicht fest genug auf seinem Ventilkopf und blieb in der Gummimanschette hängen. Das Ergebnis: Sämtliche Luft entwich und – wesentlich dramatischer – das „verlorene“ Röllchen musste erstmal „geborgen“ werden. Also: Doch den Reifen runter, Ventil ausbauen, Röhrchen finden. Hier sollte Milkit auf alle Fälle sicherstellen, dass das nicht passieren kann und diese Röhrchen zum Beispiel mit dem Ventilkopf verkleben.

Der Milkit Tubeless Booster


Wer daheim keinen Luftkompressor hat, wird vermutlich in der Tat fluchen, wenn es darum geht, einen Tubelessreifen dicht zu bekommen. Dann das geht viel, viel einfacher und schneller, wenn man sehr schnell eine große Menge Luft ins System pumpen kann. Mit einer normalen Luftpumpe ist das eigentlich nicht möglich. Genau dafür gibt es den „Booster“ von Milkit. Im Grunde ist der „Booster“ eine Metallflasche, die mit einer normalen Pumpe mit hohem Druck aufgepumt werden kann. Bis zu elf bar kann man so „speichern“ und diese komprimierte Luft mit einem fetten „Boost“ in den Reifen entlassen. Das Prinzip ist nicht neu, es gibt bereits zum Beispiel von Schwalbe so einen Booster, teilweise gibt es sogar Pumpen mit integriertem Druckbehälter.

Es ist wirklich einfach und dabei sehr effektiv! 49,95 Euro (UVP) werden für den Booster fällig.

Das Besondere am Milkit Booster ist seine smarte und kompakte Konstruktion, die es ermöglicht, das Teil bei Nichtgebrauch als Trinkflasche zu nutzen. So lässt sich der Booster immer mitnehmen, ohne dass man einen Trinkflaschenhalter oder sonstigen Platz „opfert“. Sollte man ihn unterwegs wirklich mal brauchen, muss man nur schnell austrinken und den „Trinkverschluss“ gegen das „Hochdruckventil“ tauschen. Eine durchaus raffinierte Idee!

Wenn man keinen Booster braucht, nutzt man das Teil einfach als Trinkflasche!
Für vergessliche Radler wie Martin ist die Funktionsweise des Boosters auf der Flasche vermerkt. Nicht schön, aber hilfreich.

Wie funktionierts? Ziemlich gut! Der Booster erfüllt seinen Zweck. Allerdings fand ich sein Volumen sehr knapp bemessen. Es reichte kaum aus, um genug Druck aufzubauen, damit der Reifen rundherum ins Felgenbett springt. Zum Vergleich habe ich das mit Schwalbes deutlich voluminöserem Pendant ausprobiert, was besser funktioniert hat. Ob das Ganze nun zum Problem wird oder nicht, hängt stark von der Reifen-/Felgenkombi ab. In meinem Fall reichte es, mit einer normalen Pumpe weiterzupumpen, bis der Reifen ins Felgenbett sprang. Das setzt aber voraus, dass das System bis dahin so dicht abschließt, dass es schonmal einigermaßen die Luft hält. Eines kann der Milkit-Booster jedoch, was ich von keinem anderen System kenne: Er lässt sich in der Tat perfekt mitnehmen. In sofern ist er doch ziemlich genial! Denn damit entkräftet er ein weiteres Anti-Tubeless-Argument: Selbst unterwegs lässt sich damit problemlos ein Tubelessreifen (neu) aufziehen!

Fazit Milkit Tubeless System


Alles in Allem hat Milkit hier ein total durchdachtes System entwickelt, dass die Handhabung eines Tubeless-Systems deutlich vereinfacht und deutlich sauberer gestaltet. Meiner Erfahrung nach ist es nur sehr wichtig, dass man konzentriert bei der Arbeit ist, denn macht man einen Fehler, ist die Sauerei unter Umständen noch viel größer. Hat man sich jedoch selbst im Griff, dann klappts auch mit Tubeless und macht es fortan richtig Spaß, Tubeless Reifen zu motieren!