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#einautoweniger Bernd Hallmann: Wir fahren mit euch zur Arbeit – Tag 3, Spätschicht

Vom Ederbergland in die Wetterau: Dort wohnt und arbeitet Bernd Hallmann, unter Radfahrern auch bekannt als der Blogger namens Jacominasenkel. Ihn besuchten wir – auf der Arbeit und später zu Hause.

Auf, auf in die Wetterau!

Vom durchaus überschaubar großen Fahrradparkplatz aus rollte ich über das Viessmann Firmengelände vorbei an den unendlichen Weiten der KFZ-Parkplätze. Was für ein Wahnsinn! Ich überquerte die Hauptstraße, die den eigentlich beschaulichen Ort Allendorf teilt, passierte ein paar idyllische Fachwerkhäuser und schon befand ich mich wieder am Ufer der Eder. Dort überholte ich eine sehr alte Frau, die auf ihrem mindestens genauso alten Fahrrad unterwegs war. Ich dachte mir nichts dabei, fuhr weiter und hielt ein wenig später an, um ein Foto zu schießen. Derweil hatte sich die Straße in einen engen, steilen Wirtschaftsweg verwandelt, der offenbar ziemlich lange nur bergauf ging und an dem selbst ich zu kämpfen hatte. Als ich die Kamera wieder verstaut hatte, sah ich die alte Dame, wie sie sich langsam aber tapfer diesen Weg hinauf kämpfte, Kurbelumdrehung für Kurbelumdrehung. Und sie sah dabei weder genervt noch unglücklich aus. Im Nachhinein hätte ich mich am liebsten kurz mit ihr unterhalten, doch irgendwie fuhr ich weiter und zollte ihr nur stillen Respekt. Jedenfalls hatte diese Dame eindrucksvoll eine der vielen Ausreden wiederlegt, warum man unbedingt Auto fahren müsse: „Kann nicht, wohnt in der will nicht Straße“ (Zitat Stromberg), Wohlgelaunt kurbelte ich mich über die Anhöhen des Ederberglandes und erlebte, was Michael mir bereits vorgeschwärmt hatte: Hier ist es wirklich schön und abwechslungsreich.


Einautoweniger 28 | lifecycle magazine

Arbeit mit Ambiente. Kaum aus der Tür heraus, sieht es vor Bernds Büro so aus. Das Gemeinschaftsbüro befindet sich am Rande des „Sprudelhofs“, dem Wahrzeichen von Bad Nauheim. Bernds Rad steht der Hintergrund jedenfalls gut, finden wir. Es ist übrigens ein Bombtrack „Hook 2“, das Bernd auch „die heimliche Geliebte“ oder einfach „Candy“ nennt. E

Das Landschaftsbild änderte sich, als ich mich dem Lahntal näherte. Abgesehen von der viel befahrenen Bundesstraße, die sich wie ein Geschwür mitten im Tal eingenistet hatte, um dessen Bewohner mit Lärm zu nerven, war es wirklich schön hier. Kleine Ortschaften mit malerischen Fachwerkhäusern sorgten für Abwechslung und ich kam sogar durch die Stadt Wetter hindurch – dem Namensvetter meines Wohnortes im Ruhrgebiet. Ein kurzes Ortsschild-Selfie und weiter ging es. Der Lahntalradweg sorgte für leichte Orientierung, der strenge Gegenwind war hingegen ein echtes Hindernis auf dem Weg nach Marburg, der beschaulichen Universitätsstadt mit Charme. Hier kam meine Klingel einige Male zum Einsatz, bevor es wieder verdammt ruhig wurde auf dem Radweg, der im Sommer sicherlich sehr viel voller ist. Gießen war im weiteren Verlauf der negative Höhepunkt der heutigen Route – was für eine fahrradunfreundliche Stadt. Ich war froh, als ich endlich die Wetterau erreichte. Mein Ziel war nicht mehr weit: In Bad Nauheim war ich mit Bernd verabredet, der mir eine Variation seines Arbeitswegs zeigen wollte.

Commuting ist Zeit, die ich ganz für mich alleine habe und die ich gestalten kann, wie ich es möchte.

Bernd Hallmann aus Friedberg, Grafiker und Illustrator und Radpendler

Zu Besuch bei Bernd Hallmann aka Jacominasenkel

Bernd ist selbständiger Grafiker und arbeitet in einem Gemeinschaftsbüro kreativer Köpfe in einem beeindruckenden Altbau am Rande des Sprudelhofs, dem Wahrzeichen der „Gesundheitsstadt“ mit ihren vielen Parks, Heilquellen und Gradierbauten. Mit Bernd war ich schonmal radfahren: Im letzten Jahr sind wir gemeinsam den Candy B Graveller nach Berlin gefahren und schon damals lud mich „Jacominas Enkel“ ein, seine Heimat zu besuchen. Nun war es endlich soweit und ich betrat Bernds Arbeitsplatz. Das Schöne an so einer Bürogemeinschaft ist, dass man sich seine eigenen Regeln machen kann, solange sie für alle funktionieren. Und so ist es kein Problem, dass Bernd sein Rad in einem extra Raum abstellen kann, in der er sich sogar eine kleine Werkstatt eingerichtet hat. Nur eine Dusche gibt es nicht – weil es einfach keine Dusche auf dem Geschoss gibt. Immerhin steht sie schon auf der Wunschliste an den Vermieter, sollte dieser Ambitionen für eine Renovierung verspüren. Hier arbeitet Bernd also und ist dabei sein eigener Boss. Sein Wohnort hingegen ist Friedberg, gerade einmal vier Kilometer entfernt. Eigentlich kaum der Rede wert und genau darum dauerte es auch eine Weile, bis Bernd die Notwendigkeit erkannte, sich daraus einen „echten“ Arbeitsweg zu basteln: Er nutze einfach die vielen Wege und Trails seiner Heimat, um daraus eine lohnenswerte Ausfahrt zu gestalten. Nach Lust und Laune wird daraus eine kurze Fahrt mit dem Cargobike (wie kommt es nur, dass Bernd im Büro für die Einkäufe zuständig ist?), eine ausgiebige Gravel-Runde oder ein traillastiger Mountainbike-Spaß.


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Licht aus – Licht an! Wenn’s im Büro mal wieder später wird…


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King of Rock’n’Roll. Vorbei an Elvis’ Wohnhaus.

Im Prinzip könnte Bernd auch von zu Hause aus arbeiten, aber er liebt diese Ausfahrten und er bringt es auf den Punkt: „Diese Fahrt nicht absolvieren zu müssen, birgt eine gewisse Verantwortung. Für mich, für andere. Aber auch die Chance, Radfahren gehen zu können, wann es mir beliebt. Und somit die Chance auf viel Freude.“ Ein Ansatz, der wieder einen ganz neuen Aspekt beleuchtet. Es stehen allein die Freude am Radfahren im Vordergrund und das Wissen, dass es einem gut tut und motiviert. Ohne diese Ausfahrten würde Bernd etwas fehlen. Damit das nicht passiert, setzten wir uns endlich aufs Rad, um noch die letzten Sonnenstrahlen einzufangen. Einmal quer durch den Sprudelhof, längs über die Prunkstraße der Stadt, vorbei am Geburtshaus von Elvis Presley und schon befanden wir uns auf einem schönen Schotterweg, der ziemlich stramm einen Hügel hinauf führte. Im Sommer sind hier die Erholungssuchenden aus Bad Nauheim unterwegs, heute waren es nur ein paar Ruhesuchende, die der Kälte trotzen. Oben öffnete sich der Wald.


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Gestatten: „Candy“.

Mittlerweile waren die Dämmerung fortgeschritten und die Aussicht eingeschränkt, trotzdem ließ sich eine tolle Fernsicht erahnen. Die Autobahn A5 war ein kleiner Schandfleck, der Rest aber richtig schön. Das Licht eines Turms in der Ferne markierte den Start eines Mountainbiketrails, den Bernd im letzten Jahr mit viel Schweiß und der Bewältigung vieler Kilometer auf dem Rad erbaut hatte. Doch heute fuhren wir in die andere Richtung auf relativ direktem Weg nach Friedberg. Schuld daran war ich – meine Beine sehnten sich nach Ruhe. Immerhin: Aus den vier Kilometern der direkten Verbindung wurden zwölf – eine der kürzesten Variationen, die Bernd sonst fährt, aber trotzdem eine sehr schöne. Bernd war heute mein Gastgeber. Ich bekam eine heiße Dusche, eine mega leckere, selbstgekochte vegane Lasagne, ein gemütliches Gästezimmer und einen schönen Abend mit Bernds Familie samt Dalmatiner. Und wenn mein Plan nicht vorgesehen hätte, dass ich am nächsten Tag um zwei Uhr aufstehen musste, hätte der Abend sicher noch ein sehr langer werden können…


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„Frühstück“.  Das kann man morgens um halb drei ganz wörtlich nehmen. Danke Bernd!


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Willkommen in Bernds Welt: Bernd arbeitet in einer geräumigen Bürogemeinschaft mitten in Bad Nauheim.

Lifecycle fahrradpost | lifecycle magazine

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