Andre Wagenknecht ist ein Urgestein des deutschen Mountainbike-Sports. Er begann als Jugendlicher mit Downhillrennen und fuhr viele Erfolge im rasanten Abfahrtssport ein. Nach einigen Rückschlägen wechselte er ins Enduro-Lager. Und heute? Heute kann man ihn immer öfter auf einem Gravelbike antreffen. Mehr als 20 Jahre Radsport – mehr als 20 gute Gründe für ein Interview mit dem sympatischen Typ aus dem Vogtland, der immer noch fürs Radfahren brennt, wie eh und je!

Fotos: Manuel Rohne

Die guten alten Zeiten


Andre Wagenknecht im Wald – soweit kennen wir ihn. Aber mit Crossrad? Um zu erfahren, was es damit auf sich hat, braucht ihr nur weiter zu lesen.

Andre, du bist ja einer der wenigen verbliebenen „Alten Hasen“, die auch den meisten Kids heute noch ein Begriff sein dürften. Was viele von denen aber sicher nicht auf dem Schirm haben ist, dass du bereits seit mehr als 20 Jahren im Sattel sitzt und diesen Sport betreibst. Erzähle mir doch mal bitte, wie damals alles begann.
Ja, es ist eine lange Zeit aber es fühlt sich noch immer richtig an. Mein erstes Rennen bin ich am 14.10.1995 gefahren. Es war ein Downhill Rennen in Thüringen, wo Sebastian Schieck (heute Bike-Fotograf) und ich zusammen an den Start gingen. Geil war es!

Was hat dich damals so an diesem Downhill-Sport fasziniert?
Für mich bedeutete Biken schon immer Geschwindigkeit, driften, Sprünge und was man sonst alles als kleiner Typ cool findet. Das alles habe ich im Downhillsport gesehen und gefunden. Die Art und Weise das Limit zu kontrollieren fasziniert mich noch immer und macht mich noch heute verrückt, wenn man alles „in der Hand“ hat und auch, wenn die Kontrolle für Bruchteile einer Sekunde nicht auffindbar ist.

Bestimmt hast du eine witzigen Anekdote für mich aus den guten, alten Zeiten, in denen Mountainbiken lange nicht so ein „seriöser“ Sport war, wie es heute oft wirkt, oder?
Bei meinem ersten Rennen hatte ich mir zwar soeben ein für damalige Zeiten wirklich gutes Bike zugelegt, aber es reichte zusätzlich auch nur noch für einen Helm und ein Paar Handschuhe. So gepimpt stand ich dann mit Jeans und Sweater am Start. Cirka 20 Sekunden vor meinem Start sagte der Typ in einer vollständigen Highend Ausstattung neben mir: „Für ein Paar Crosshosen hattest du wohl keine Kohle mehr?“. Das hat mir dann so den Schalter im Kopf rausgehauen, dass ich ihm eine richtig gute Zeit hineingedrückt habe. Danach habe ich erfahren, dass er bereits World Cups gefahren ist.

Es muss nicht jeder ein Profi sein oder so wirken. In einer Zeit wie heute, wo die Präsenz in sozialen Medien fast ein gleiches Gewicht hat, wie der Typ selbst oder seine sportliche Leistung, kann das einen schnell in die Irre führen.

Andre Wagenknecht

Ist heute alles anders? Besser, schlechter? Wie würdest du die Entwicklung dieses Sportes beschreiben, den früher ein paar Freaks betrieben haben und den heute wirklich jeder kennt?
Es hat sich viel geändert aber Vieles ist auch geblieben. Nach einem erneuten Start in Ilmenau 2016 nach langer Downhill-Pause, sah ich wieder dieses Fahrerlager, welches deutlich größer und professioneller geworden war. Auch die Amateure sind heute besser ausgestattet, als wir damals. Das ist eine gute Entwicklung für den Sport und auch für seine Anerkennung bei Außenstehenden. Dennoch wünsche ich mir auch die lockeren Typen von damals zurück. Es muss nicht jeder ein Profi sein oder so wirken. In einer Zeit wie heute, wo die Präsenz in sozialen Medien fast ein gleiches Gewicht hat, wie der Typ selbst oder seine sportliche Leistung, kann das einen schnell in die Irre führen.

Das schöne am Alter ist ja die „Weisheit“, die sich im Laufe der Jahre wie von selbst aufbaut – Apropos, wie alt bist du eigentlich? Nun hast du deine Chance, einmal ein paar unheimlich schlaue Lebensweisheiten für unsere Jungen Bike-Freunde rauszuhauen. Gibt es etwas, das du den Bike-Kids gern mit auf den Weg geben würdest?
Wie Recht du hast! Ich bin jetzt 39 Jahre alt und fühle mich manchmal wie ein Kind, das plötzlich anfängt zu denken. Ist dies die Weisheit? Aber es ist wie mit allem. Manchmal hilft der Kopf und manchmal bremst er dich. Wenn ich aber eines gelernt habe, dann ist es mein Bauchgefühl zu akzeptieren. Dies kam aber schon deutlich früher. Damit will ich sagen, dass es nicht immer notwendig ist, die krasseste Linie zu fahren. Vielleicht ist eine andere ja doch schneller. Es ist auch nicht notwendig ein Bike so aufzubauen, wie es dein Vorbild hat. Baut es für EUCH auf. So wie ihr damit am schnellsten seid.

In the meantime…


Früher haben wir uns fast jedes Wochenende auf irgendeinem Rennen getroffen. Das ist eine Weile her und ich muss sagen, dass wir uns ein wenig aus den Augen verloren haben. Erzähl doch mal, was du in der Zwischenzeit so getrieben hast. Dabei würde mich vor allem auch dein Leben neben dem Bike interessieren. Vom jugendlichen Bike-Fan zum erwachsenen… ja was denn? Hast du eine Ausbildung gemacht, studiert, ne Familie gegründet?
Da gibt es einiges zu erzählen! Nach meinem Deutschen Meistertitel 2008 im Downhill bin ich zu CUBE gewechselt. Jedoch hatten wir noch kein Downhill-Bike. Somit kam ich in das Fahrwasser der Produktentwicklung. Ich konnte den Ingenieuren und Entwicklern mein Feedback geben, Fahrwerke abstimmen und auch für mich selbst vieles dazulernen. Das Ergebnis war eine Bronze Medaille 2011, auf dem neuen Downhill Bike von CUBE.

Für den Radsport-Nachwuchs ist im Hause Wagenknecht gesorgt!

Danach hatte ich aber mehr und mehr Spaß an den kleineren Bikes und bin einige Enduro Rennen gefahren. 2012 kam ich somit in das Cube Action Team, wo ich 2014 ebenfalls Deutscher Meister im Enduro wurde.

Mittlerweile bin ich auch ein richtiger Spießer: Verheiratet, Kind und Eigenheim. Jetzt suche ich noch einen guten Rasenmäher für mein Grundstück, damit ich mein Lebensziel endlich erreiche. (lacht) Aber im Ernst! Was ich davor Schiss hatte so zu werden – jetzt ist alles gut so und biken ist noch immer genau so geil wie früher!

Andre Wagenknecht

2015 musste ich leider die Handbremse ziehen, da ich am pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt war, was sich bis Mitte 2016 gezogen hat. Da mir aber schnell langweilig ist und ich bei Cube die Möglichkeit hatte, mich mehr und mehr in die Entwicklung einzubringen, habe ich mich in der Zeit noch mehr auf die Beratung und Unterstützung bei verschiedenen Produktentwicklungen konzentriert. Dazu hat auch das eBike gehört und ich bin trotz geteilter Meinungen zu „E“ ein Fan davon, auch wenn es mein normales Bike nicht ersetzt. Es ist für mich ein cooler Zugewinn!

Mittlerweile bin ich auch ein richtiger Spießer: Verheiratet, Kind und Eigenheim. Jetzt suche ich noch einen guten Rasenmäher für mein Grundstück, damit ich mein Lebensziel endlich erreiche. (lacht) Aber im Ernst! Was ich davor Schiss hatte so zu werden – jetzt ist alles gut so und biken ist noch immer genau so geil wie früher!


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Andre war schon immer technisch Interessiert und kann sich mit seinem Wissen heute in die Entwicklung neuer CUBE Bikes einbringen.

Damals war der Sport Hobby. Wie ist das heute? Es macht den Anschein, als wenn du Fulltime für Cube und andere Sponsoren am Start bist. Ist das so? Oder hast du noch einen Job neben all dem? Erzähl doch mal, wie sich das bei dir entwickelt hat.
Ich habe noch immer meinen normalen Teilzeit-Job bei der Arbeitsagentur, wo ich Leute in besonderen Lebenslagen unterstütze. Zusätzlich bin ich seit zehn Jahren selbständig und mein „Hobby“ ist zum Beruf geworden. Und ja, ich habe manchmal eine Uhr mit mehr als 24 Stunden. Es ist nicht so, dass ich keine Zeit habe, dennoch fordern einen die vielen kleinen Aufgaben. Familie, Job, Selbständigkeit, Rennen, Training und der eigene Ehrgeiz es jedem recht zu machen sind eine große Portion im Kopf. Aber ich mag es wie es ist. Für mich gab es nie das Ziel ein letztes Rennen zu fahren und danach aus der Bikeszene zu verschwinden. Solange es in mir noch kocht, ich das Bike nach ein paar Tagen vermisse oder ich meine Erfahrungen teilen will, geht es für mich weiter. Nur wenn ich mit Freunden oder allein auf dem Bike bin, dann ist es wie früher: einfach nur biken, wie der kleine Typ mit Jeans und Sweater von 1995!

Solange es in mir noch kocht, ich das Bike nach ein paar Tagen vermisse oder ich meine Erfahrungen teilen will, geht es für mich weiter.

Andre Wagenknecht

Du bist seit vielen Jahren der Firma Cube verbunden. Erzähl doch mal, wie das kam und welche Aufgaben du in diesem Team hast.
Ich kam zu CUBE durch mein Bauchgefühl und das obwohl sie kein Downhill-Bike für mich hatten. Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Markenbotschafter, Testfahrer, Produktberater in und bei der Entwicklung, Fotofahrer und Eventbegleiter. Dieses Jahr mache ich mein zehntes Jahr bei Cube voll und es ist für mich heute mehr als ein Sponsor oder Partner. Es gehört für mich einfach dazu und es fällt mir nicht schwer, auch mal Zeit mit im Büro zu verbringen. Es schmerzt auch nicht mehr so, wenn man bei einem Rennen nicht die Bestzeit fährt, weil man am Abend zuvor mit ein paar Gästen ein Bier mehr getrunken hat.

Sind E-Bikes cool? Böse? Nur eine Modeerscheinung? 

Zwischenzeitlich sehen wir dich auch öfter mal auf einem E-Bike. Das ist ja ein heiß diskutiertes Thema und ich finde es schon sehr fragwürdig, wenn ich gesunde, junge Menschen treffe, die per E-Bike die Trails bevölkern. Wie stehst du zu diesem Thema? Ist E-Biken derzeit einfach so hip, dass man als Bike Hersteller (und Teamfahrer) einfach gar nicht dran vorbei kommt? Vielleicht kannst du mich ja überzeugen, dass E-Bikes doch irgendwie cool sind.
Das heiße Thema der Neuzeit! Also ich glaube nicht, dass die Hersteller E-Bikes nur bauen, weil sie hip sind. Es ist die Nachfrage am Markt. Würde sie keiner wollen, würden wir sie dann bauen? Außerdem sind sie glaube ich gut für alle kleinen Bikekategorien. So wie zum Beispiel ein Kompaktwagen den Rally-Sport finanziert. Ich selbst konnte das E-Bike gut für mich nutzen. Nach meiner Krankheit konnte ich so wieder leicht unterstützt den Einstieg finden und fit werden. Auch heute nutze ich es weiter für kleine Trainingsrunden, Kindertransport und Streckensuche im Wald. Man kann viele Sachen aus verschiedenen Richtungen betrachten. Früher war ich zum Beispiel bei einigen Bikern uncool, weil ich mit einen Elektrolift den Berg hochgefahren bin, um danach hinunter zu hämmern. Jetzt trete ich halt manchmal elektrisch hinauf und mache danach irgendwie dasselbe.

„Enduro is my life“ steht auf deinem Facebook-Profil. Führe das doch mal ein bisschen aus. Warum ist das so?
Steht das da? Muss ich mal ändern! Jetzt sollte vielleicht da stehen „biking is my life“. Die Aussage stammt noch aus einer Zeit im Cube Action Team. In diesen Jahren war es aber wirklich so, da mir Enduro eine neue Motivation gegeben hatte. Mittlerweile sitze ich einfach gern auf verschiedenen Bikes.

Gravel und warum dieses Radfahren eigentlich im allgemeinen so geil ist


Wie kommst du nun vom Mountainbike aufs Gravelbike?
2018 habe ich meinen ersten Crosser, ein CUBE Cross SL bekommen. Genau in der Zeit, als ich in ein Dorf aufs Land gezogen bin. Lach mich ruhig aus, aber das Bike hatte mich auf der Hausmesse 2017 am meisten angemacht! Mir hat ja keiner gesteckt, wie genial die Karren sind. Schnell, flexibel bei der Streckenwahl und irgendwie auch cool mit ihren kleinen Stollen und Scheibenbremsen.

Mir hat ja keiner gesteckt, wie genial die Karren sind. Schnell, flexibel bei der Streckenwahl und irgendwie auch cool mit ihren kleinen Stollen und Scheibenbremsen.

Andre Wagenknecht
Andres neue Liebschaft. Wobei er in Sachen Fahrräder durchaus polygam unterwegs ist… 

Du bist ja mit mir in Kontakt getreten, um mit mir über das „Blinduro Event“ von Michael Prokop in Tschechien zu schnacken. Bezeichnend, dass sich ein Gravity-Profi wie Prokop nun scheinbar auch recht intensiv mit dem Thema Gravel auseinandersetzt und sogar ein eigenes Event aus der Taufe hebt, das im letzten Jahr noch als Mountainbike-Enduro-Event veranstaltet wurde. Was macht für dich dieses Rennformatz aus?
Michael Prokop hat mit der Idee einen coolen Ansatz. Es geht nicht um höher, schneller, weiter. Es geht um eine gute Zeit, Spaß und ein wenig Racefeeling auf dem Bike – egal auf welchem. Letztes Jahr hat er dies bereits als Blinduro mit Endurobikes durchgeführt und die Veranstaltung war einfach nur gut. Jetzt mit dem Gravelbike öffnen sich bestimmt neue Horizonte und man lernt neue Leute kennen.

Hauptsache Biken! Ob Enduro-, Downhill- oder Gravelbike ist doch eigentlich egal… oder?

Mir scheint, dieses Radfahren macht gerade eine spannende Entwicklung durch. Irgendwie verschwimmen die Grenzen immer mehr. Endurobikes sind so gut und leicht, dass sie auch im Bikepark oder auf Downhillstrecken funktionieren. Laufradgrößen aus dem Rennradbereich erobern die Trails und Rennräder werden so vielseitig, dass sie mittlerweile weit mehr sind, als reine Race-Maschinen. Mit den neuen Gravelbikes kann man sich ruhigen Gewissens auf Enduro-Trails wagen. Und dieses Bike-Packing fasziniert irgendwie alle: vom Mountainbiker bis zum Rennradler. Irgendwie finden alle Radler immer mehr alle Disziplinen irgendwie geil. Oder meine ich das nur? Ich erinnere mich nochmal an früher…: da wurdest du ja schon geächtet, wenn du als Downhiller das Wort Rennrad nur in den Mund genommen hast…
Oh ja! Früher war das so eine Sache. Aber ohne das Rennrad ging auch früher nichts. Schon in meinen Juniorenzeiten in der Nationalmannschaft hatten wir Trainingslager ausschließlich mit dem Rennrad. Das unsere Bikes heute so viel können ist doch super! Da zeigt sich, wie erwachsen unser Material jetzt ist, egal ob auf der Straße oder im Gelände.

Bei sich zu Hause, im schönen Vogtland, findet Andre allerbeste Gravel-Bedingungen

Werden wir mal ganz kurz ein bisschen politisch. Ich bin ja der Meinung, dass das Fahrrad viele gesellschaftliche Probleme und viele Verkehrs-technische Probleme lösen kann. Das meiste davon ist ja sogar wissenschaftlich belegt (Stichworte Gesundheit, Sozialsystem, Umwelt, Infrastruktur). Was müssen wir tun, um auch „Normalos“, also Couch-Potatoes, die lieber SUV fahren, davon zu überzeugen, dass auch für sie Radfahren eine tolle Geschichte ist?
Ich glaube der Anstoß ist bereits erfolgt. Mit dem E-Bike. Man wird nicht von heute auf morgen die Käufer von SUV´s ändern und alle auf ein Rad setzen. Aber wenn diese jetzt ein E-Bike haben, ihre Sonntage auf dem Bike verbringen und nicht mit dem Auto ihre Herzdame zum Dinner fahren, dann haben wir doch schon etwas erreicht. Wenn wir dann noch mit ihnen zum Beispiel im Bikeshop zu einem Gespräch über Federgabeln oder sonstige Parts statt über Alufelgen und Soundsysteme kommen, würde ich sagen: Gesellschaftliche Kontakte „check“. Biken statt Autofahren „check“. Bewegung statt Ledersitz „check“!

Zurück zum eigentlichen Thema. Es gibt so viele Disziplinen, Events und Locations. Verrate mir doch mal ein paar deiner aktuellen Highlights.
Lieblings-Bike: meine Cube Stereo 150, Cube Cross Race SL
Lieblings-Trails oder Lieblings-Gegend zum Mountainbiken: Finale Ligure, Bozi Dar (Keilberg), Home Trails
Lieblings-Event: Trail Trophy, Bosch E-Bike Challenge
Idol: Olaf Schubert (cleverer Typ, welcher über sich selbst lachen kann), Steve Peat (kein Star, der einer ist)

Wie könnte ein lifeCYCLE-Interview besser enden, als damit, dass du uns nochmal kurz und bündig erklärst, warum denn nun dieses Radfahren einfach so geil ist!
Es macht mich einfach frei und gibt mir die Möglichkeit an nichts zu denken. Es unterscheidet kein Alter, keine Herkunft oder sonstiges. Es verbindet und ermöglicht neue Sichtweisen. Es fetzt halt einfach!

Andre, danke für deine Zeit und weiterhin gute Fahrt!