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Rezension: „Autokorrektur“ von der Mobilitätsexpertin Katja Diehl

Autokorrektur – Es gibt wenige Buchtitel, die uns derart auf den Leib geschneidert zu sein scheinen wie dieser. Es sei „Ein Plädoyer für eine inklusive und klimagerechte Verkehrswende“, so der Verlag. Einige gemütliche Leseabende nach Erscheinen des Buchs klären wir, ob der Inhalt hält, was der Titel verspricht…

Inhalt

Mein Lieblings-Hashtag #einautoweniger ist irgendwie ähnlich zu jenem der Mobilitätsexpertin Katja Diehl: #autokorrektur. Das legt schon vor dem Lesen der ersten Seite nahe: Dieses Buch könnte mir gefallen! Und tatsächlich: Von Seite 1 an denke ich mir (zumeist): Genau so ist es und endlich schreibt es mal jemand in kompakter Form und gut recherchiert auf.

Katja Diehl zeichnet hier ihr Bild von ihrer perfekten Stadt, beziehungsweise ganz allgemein von einer neuen Form der Mobilität, die nicht mehr autozentriert ist und die alle Mitglieder der Gesellschaft gleichermaßen einbezieht. Das ist ihr Traum und dem gegenüber steht die Realität. Diese ist laut, stressig, autozentriert und sie schließt große Teile der Gesellschaft aus. Nämlich jene, die keine Lust auf diese Art der Mobilität haben, sich diese nicht leisten können oder die aus anderen Gründen nicht der „Norm“ des Autofahrenden entsprechen können oder wollen. Sie beantwortet die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte, indem sie die Geschichte des Automobils, insbesondere die der deutschen „Leitindustrie“ analysiert.

Warum sehen unsere Städte so aus, wie sie aussehen?

Warum ist alles aufs Auto ausgerichtet und warum scheinen die Bedürfnisse von Fußgängern, Radfahrer*Innen, Kindern, Alten und Menschen mit Behinderung immer dem schnellen Vorankommen auf vier Rädern untergeordnet zu sein? Warum nehmen wir es einfach so hin, welche Gefahren und welche Einschränkungen das für unser Leben bedeutet? Was könnte man mit all dem Platz anstellen, der heute von nutzlos herumstehenden parkenden Auto blockiert wird? Diese Fragen und viele mehr werden in Autokorrektur nicht nur beantwortet, sondern mit teils beeindruckenden und erschreckenden, manchmal aber auch einfach nur unglaublichen Zahlen belegt. Ein Beispiel? Während wir selber im Schnitt auf 47 Quadratmetern wohnen, erhält jedes einzelne Auto in Deutschland mehr als das Doppelte an Fläche. Einfach so, und es scheint niemanden zu stören.

Katja diehl autokorrektur
Schwungvoll geschrieben und mit schönen Illustrationen aufgelockert: „Autokorrektur“ erscheint in den S. Fischer Verlagen und ist für 18 Euro im Buchhandel oder für 16,99 Euro als E-Book erhältlich.

Nach meinem Geschmack geht Katja Diehl insbesondere am Anfang des Buches etwas zu intensiv auf das Problem einer binären Gesellschaft ein, die alles auf die Bedürfnisse des weißen, alten Mannes ausrichtet, während jene insbesondere von Frauen komplett untergehen. Ich kann ihre Gedanken nachvollziehen und bin grundsätzlich auch ihrer Meinung, finde die Verknüpfung beider Themenbereiche miteinander hier und da aber etwas erzwungen und gar nicht notwendig. In meinem „Spezialgebiet“ muss ich hier leider auch eine deutliche Ungenauheit anmerken: Das Fahrrad wird auf Seite 44 als „Macho“ bezeichnet und es entsteht der Eindruck, dass es so gut wie keine Angebote für Frauen gibt. Es wird von chronischen Beschwerden vieler Radsportlerinnen aufgrund falscher Ergonomie berichtet und dem Versuch einer (einzigen) Sportlerin, einen auf die weibliche Anatomie abgestimmten Sattel zu entwickeln. Dass es mittlerweile (von Frauen gegründete und geführte) Radmarken wie Juliana oder Liv gibt, die sich einzig dem weiblichen Geschlecht widmen und für deren Entwicklung vorwiegend Frauen verantwortlich zeichnen, bleibt leider unerwähnt. Auch Bekleidungsfirmen wie Velocio mit einer größeren Damen-Kollektion als dem Pendant fürs männliche Geschlecht oder Komponentenhersteller mit zum Beispiel besagtem Damensattel im Programm bleiben unerwähnt. Immerhin: Hier ist Diskussionsstoff vorhanden.

Abgesehen davon stoße ich auf jeder Seite von Autokorrektur auf neue Absurditäten und ich frage mich immer wieder: Was ist mit uns Menschen los? Wie konnte es dazu kommen und vor allem: Welche Wege führen hier heraus? Zum Glück geht die Autorin auch darauf ein und zwar auf zweierlei Arten. Nach der Analyse der Situation folgt nämlich im zweiten Teil des Buches eine Auswertung zahlreicher Interviews mit Menschen, die kein Auto haben oder die eigentlich keines wollen, es aber irgendwie nicht ohne geht. Dabei deckt sie anhand zahlreicher Fallbeispiele allerlei Probleme auf, die „Nicht-Autofahrer*Innen“ das Leben schwer machen. Viele Wünsche ihrer Interviewpartner*Innen ließen sich einfach umsetzen, andere wiederum bedürfen schon etwas mehr Mühe. Unterm Strich steht aber die Botschaft: Wir haben die Situation, wie sie ist, selber herbeigeführt – wir können sie auch selber wieder ändern. Wenn wir es nur wollen.

Welche Wege führen heraus aus der Autostadt?

Autokorrektur 3 | lifecycle magazine
Mit Illustrationen von Doris Reich werden Inhalte veranschaulicht und aufgelockert.

Wie das gehen kann, zeigt Katja Diehl im dritten Teil von #Autokorrektur auf, indem sie allerlei positive Fallbeispiele aufzählt. Pläne und bereits umgesetzte Maßnahmen in Paris oder Barcelona zum Beispiel, die zeigen: Es gibt einen Weg raus aus der Autostadt. Und: Wo man diesen Weg eingeschlagen hat, wünscht sich in der Regel niemand mehr eine Umkehr.

Ganz wichtig ist der letzte Teil des Buches, der schnell mal untergeht. Die Rede ist vom Quellennachweis, in diesem Fall fast 20 Seiten stark und wichtig, um all die genannten Zahlen und Fakten zu belegen.

An wen richtet sich nun Katja Diehls Buch Autokorrektur?

Ich drücke es mal so aus: Ich würde mir wünschen, dass es viel mehr jener Menschen lesen, die nicht ohnehin schon festgestellt haben, wie entspannt ein Leben ohne Auto sein kann. Ob eingefleischter Auto-Fan, Politiker, leidgeprüfter Stadtmensch oder Menschen vom Land, deren Leben ohne Auto auf keinen Fall funktionieren kann: Das Buch liefert jede Menge Denkansätze, die helfen, das eigene Mobilitätsverhalten zu hinterfragen und dazu anregen von der Politik Veränderung einzufordern. Denn: „Politik ändert nichts ohne den Druck der Gesellschaft, ohne den lauten Ruf nach Veränderung.“ Dieses Buch ist ein Plädoyer für eine inklusive und klimagerechte Verkehrswende, die den Menschen endlich wieder in das Zentrum der Städte- und Verkehrsplanung rückt.

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Martin Donat

Martin Donat

Erfahren im Abenteurern. Seit 20 Jahren in der bunten Fahrradwelt unterwegs. Aus der Leidenschaft wurde ein Job: Seit zwei Jahrzehnten ist Martin als Redakteur, Fotograf und „Mädchen für alles“ tätig. Rennräder, Gravel- oder Mountainbikes sind seine Welt und das Thema Nachhaltigkeit ist für ihn mehr, als ein Modewort.

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