Shimano präsentierte Anfang des Jahres seine GRX Gruppe, die als „erste echte Gravel und Abenteuergruppe“ bezeichnet wurde. Nun hatten wir in einem ersten Test endlich die Gelegenheit, diese Gruppe einmal in Ruhe auszuprobieren.

Fotos: Irmo Keizer, Shimano, Martin Donat

Nebel, Matsche, Wind – perfekte Gravel-Bedingungen beim LtD Gravel Raid in der Eifel. Wie es dort war, erfahrt ihr in unserer Ausgabe #9.

Ein ganzes Wochenende konnten wir die neue Gruppe richtig quälen. Die Bedingungen hätten dafür nicht besser sein können. Denn ersten waren wir dafür auf einem reinrassigen Gravel-Event: Dem LdT Gravel Raid in der Eifel (die Geschichte dazu findet ihr in unserer Ausgabe #9). Dort warteten lange, anspruchsvolle Graveltouren auf uns in einem durchaus fordernden Gelände – die Eifel hat es in sich! Zweitens spielte uns das Wetter in die Karten: Es war kalt, windig und schmuddelig. Perfekte Bedingungen also, um einer neuen Gruppe für den Gravel-Einsatz auf den Zahn zu fühlen.

Doch bevor wir unsere Eindrücke schildern, wollen wir erstmal die groben Facts zur Gruppe präsentieren, wie Shimano sie kundtut. Die Erwartungen an eine Gravel-Gruppe von Shimano kann man durchaus hoch ansetzen. Immerhin hat Shimano einen reichen Erfahrungsschatz bezüglich der Herstellung von Straßen- und Mountainbike-Komponenten. „Das Beste aus beiden Welten“, so wird die Gravel Disziplin ja gern genannt. Und das ist wohl auch in etwa die Anforderung an eine Shimano-Gravel-Gruppe. Bleibt die spannende Frage: Wie definiert Shimano dieses „Beste“ und was gehört nach Meinung der Japaner in eine Gravelgruppe?

Die Komponenten


Shimano bietet nicht die eine Gruppe an, sondern eine Reihe von Variationsmöglichkeiten nach dem Motto: Jeder Fahrer und jede Fahrerin soll sich eine Gruppe zusammenstellen, die seiner/ihrer Idee vom Gravelbiking am nächsten kommt. 

Eine Option von vielen: So könnte die komplette Shimano GRX-Gruppe aussehen. Im Handel liegt der Preis zur Zeit um die 800 Euro.

Die erste Frage, die sich der Fahrer/die Fahrerin stellen muss lautet also: 1×11, 2×11 oder 2×10 Antrieb? Weiterhin muss man sich die Frage beantworten, ob man es klassisch mechanisch oder lieber modern elektronisch mag. In jedem Fall verspricht Shimano einen sauber arbeitenden Antrieb, der die Laufruhe und Präzision der Straßengruppen mit der Zuverlässigkeit und Stabilität der Mountainbikegruppen vereint.

In Sachen Übersetzung muss ebenfall eine Entscheidung gefällt werden. Dabei bietet Shimano keine reinen „GRX“-Kassetten an, sondern verweist auf die bewährten Straßen- und Mountainbike Parts. So kann man sich eine sportliche 11-30er Ultegra Kassette montieren oder sich lieber für eine alpentaugliche 11-42er XT Abstufung entscheiden. Danach richtet sich dann, welches Schaltwerk das Passende ist.

In Sachen Antrieb gibt es wirklich (fast) alle Optionen: 1×11, 2×11, 2×10, MTB- oder Road-Kassette. Nur 1×12 ist zur Zeit nicht vorgesehen. Trotzdem sollte hier jeder die passende Antriebsform finden.

Ganz eigen hingegen sind die GRX-Schalt-/Bremshebel: Sie besitzten vergleichsweise breite Hebel und eine noch breitere Auflagefläche für die Hände, die auch noch mit griffig texturiertem Gummi versehen ist. Raffiniert: Wer eine mechanische Dropperpost (eine absenkbare Sattelstütze) installieren will, kann diese mit dem linken kleinen Schalthebel betätigen. Das setzt natürlich voraus, dass man links nicht schalten muss, also einen 1×11-Antrieb fährt. Trotzdem eine coole Option, die das Cockpit aufgeräumt hält und die Bedienung der Sattelstütze vereinfacht.

Interessant ist auch die zusätzliche Bremshebeloption: Ein Bremshebel ähnlich wie am MTB, nur innen am Lenker montiert, lässt sich mit dem hydraulischen System verbinden, sodass man die vordere und/oder hintere Bremse auch im Obergriff betätigen kann.  Apropos Bremsen: Diese kommen im bewährten Flat-Mount-Design und besitzen Features wie Shimanos „One-Way-Bleeding“ oder die ICE-Kühlung des Bremskreislaufs.

Breit und griffig – das sind die wichtigsten Merkmale der GRX-Schalt-Bremshebel-Kombo.
Wer oft weite Strecken fährt oder generell den Komfort des Oberlenkers schätzt, wird vielleicht auch Fan dieser Bremshebel-Option!

Last but not least kommt die Gruppe auch noch mit passendem Laufradset. Die Räder können wahlweise in 700C oder 650B bestellt werden. Sie haben relativ breite Felgen, sind tubeless-ready und besitzen 12-mm-Steckachsen. Insgesamt sollen sie die perfekte Balance aus Gewicht, Steifigkeit und Stabilität bieten.

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Die Laufräder gibt es als 700C-Variante, die 1720 Gramm auf die Waage bringt. Die 650B-Version ist mit 1656 Gramm ein bisschen leichter.
Vorn und hinten sind die Laufräder für 12-mm-Steckachsen ausgelegt, außerdem sind die tubeless-ready.

Auf dem Papier wirkt die GRX-Gruppe durchdacht, solide und einigermaßen unspektakulär, wie man das von Shimano kennt. Der große Mitbewerber SRAM haut meistens deutlich stärker „auf die Kacke“, wenn es etwas Neues gibt. Und er lässt es sich in der Regel deutlich besser bezahlen. Shimanos GRX-Gruppe jedenfalls ist mit rund 800 Euro auf dem freien Markt bereits jetzt erschwinglich, zumindest im Vergleich zu den Alternativen. 

Alternativen? Gibt es noch andere Gravel-Gruppen? So klar definiert gibt es die tatsächlich nicht. SRAM geht einen komplett anderen Weg und sorgt neuerdings mit seiner AXS-Technologie dafür, dass neue elektronische Gruppen untereinander perfekt harmonieren – egal ob MTB oder Road. So kann man sich auch bei SRAM die perfekte Gruppe zusammenbauen. Dafür muss man sich aber aus verschiedenen Gruppen die gewünschten Teile raussuchen. Vor allem aber muss man dafür zumindestens zur Zeit deutlich tiefer in die Tasche greifen und überhaupt erstmal Lust auf Elektronik haben. Darüber hinaus steht es natürlich jedem Fahrer und jeder Fahrerin frei, Straßen- und MTB-Komponenten bunt zu mixen, solange alles miteinander harmoniert. Wer es einfach und auch noch einigermaßen günstig mag, für den scheint die GRX-Gruppe zur Zeit jedenfalls eine richtig gute Sache zu sein.

Der Test – Shimano GRX Gravel Gruppe


Ob etwas funktioniert, das merkt man besonders gut… beim Fahren! Also, nichts wie rauf auf den Hobel und rein in den Wald. Apropos Hobel: Ein edles Santacruz „Stigmata“ sorgte für grundsätzlichen Wohlfühlfaktor auf dem Rad, sodass wir uns voll und ganz auf die Schaltung konzentrieren konnten. 

Nein, nein: Für uns gibt es kein Bier. Zumindest nicht, bevor wir nicht die GRX-Gruppe über den Highway to Hellenthal gequält haben. 🙂

Diese Schaltung ist, typisch Shimano, relativ dezent und unauffällig. Kein Bling-Bling und kein Feuerwerk der Neuigkeiten, es ist beinahe etwas ernüchternd. Aber nur, solange man noch nicht fährt! Denn was direkt angenehm auffällt, sobald man losradelt, sind die neuen Schalt-/Bremshebel, die total gut in der Hand liegen. Und zwar beim Schalten, aber auch einfach beim Greifen. Die Griffe sind angenehm breit und griffig, was vor allem auf rapelligen Passagen angenehm ist, weil die Schalthebel immer noch bestens bedient werden können. „Obenrum“ hingegen ist viel Platz, um die Hände abzulegen. Dank griffigem Gummi und breiter Auflagefläche greift man sicher und komfortabel. Tatsächlch ist dieser erste Eindruck ein bleibender – die neuen Griffe sind klar eines unserer Highlights der Gruppe!

Darüber hinaus verhält sich die Gruppe äußerst unauffällig. Was im Falle einer Schaltgruppe immer ein Kompliment ist. Die Gänge schalten präzise und schnell, der Antrieb läuft lautlos und ohne Probleme. Selsbt die Bremsen erledigen lautlos ihren Job und liefern dabei eine Menge Bremspower. Sogar der 2-fach Antrieb gibt keinen Grund zum Meckern, obwohl wir eigentlich großer Fan von Einfach-Antrieben sind. Am Ende der Fahrten in der Eifel waren die Bikes jedes Mal komplett eingesaut und die Schaltkomponenten von einer dicken Matsch-Kruste umgeben – trotzem funktionierte alles bestens. Und viel mehr kann man dazu eigentlich kaum sagen.

Das Testbike: Ein Santacruz „Stigmata“

Fazit Shimano GRX Test


Shimanos mechanische GRX-Gruppe taugt nicht primär dazu, um vor den Kumpels anzugeben. Stattdessen konzentriert sie sich auf das, wozu sie gebaut wurde: Auf beste Performance und möglichst hohen Komfort für alles, was man als „Gravel“ definieren kann. Dabei braucht man sich nur in Sachen Kassette aus anderen Gruppen zu bedienen. Ansonsten ist die GRX ein fein aufeinander abgestimmtes Komplettpaket, das mit seiner Dropper-Post-Option und den zusätzlichen MTB-Style-Bremsgriffen sogar ganz individuellen Ansprüchen gerecht wird. Es würde uns doch sehr wundern, wenn man an dieser Gruppe auch bei häufigen Gelände-Exkursionen nicht lange Freude haben wird. 


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